Lichter der Großstadt

Coastal waters
The weatherforecast for Netherlands coastal waters and adjacent lakes and estuaries.

Issued: 28 july 2017 03:21 UTC
A warning to shipping:

Flushing Hook of Holland
southwest 7
Zierikzee IJmuiden Texel Rottum Delfzijl Harlingen IJsselmeer Marken
southwest 6

Other districts:
no warning

Forecast valid from 06:00 to 18:00 UTC:

Flushing Hook of Holland
southwest 5-6, occasionally 7,risk occasional showers, visibility good, moderate in precipitation
Zierikzee ... dito
Jmuiden …
Texel …
Rottum Delfzijl …
Harlingen …
IJsselmeer Marken …
Ja wo sind sie denn, die ¨other districts¨ ?

Nach intensiver Betrachtung des Wetters und der dazugehörigen Berichte haben wir uns entschlossen, in der Großstadt zu bleiben. Zugeparkt sind wir sowieso, und keiner derer, die wir auf Anweisung des Hafenmeisters unsererseits zugeparkt haben, will raus. Der HM ist hier freundlich, kompetent und mit einer weißen Schirmmütze gekennzeichnet. Amsterdam Centrum ist 10 min entfernt, 5 davon auf der Ij-Fähre.

Sixthaven Amsterdam:Zugeparkt
Sixhaven Amsterdam:Zugeparkt

Man kann schlechtes Wetter auch schlechter abwarten als hier.

Von Tür zu Tür

Vlissingen ist nicht nur ein wichtiger Seehafen im Süden der Niederlande und Sitz der Verkehrslenkung für die Schelde. Was wichtig ist, denn da oben liegt mit Antwerpen einer der größten europäischen Häfen. Vlissingen ist auch Badeort. Ein bisschen abwechslungsreicher bebaut als das im Nachbarland so üblich ist, aber teils auch ganz schön hoch. Und der Strand von Vlissigen ist ein Südstrand. Der einzige in den Niederlanden. Ideal für Leute, die Schiffe gucken wollen. Denn eines der Fahrwasser der Schelde führt sehr dich am Strand vorbei.

Einziger Südstrand der Niederlande: Vlissingen
Einziger Südstrand der Niederlande: Vlissingen

Aus der richtigen, der Westerschelde raus und, Wetter, Tide und Entfernungen legen es so nahe, in die falsche, die Osterschelde, wieder rein. Die Osterschelde ist, ihrem Namen zum Trotz, gar kein Mündungsarm der Schelde mehr. Sie war es früher mal, heute ist es nur noch eine langgestreckte Bucht, die zudem mit einem Sperrwerk versehen ist und so bei Sturmfluten von der Nordsee getrennt werden kann. Das Sperrwerk besteht aus zwei Abschnitten, in der Mitte liegt eine künstliche Insel und auf der eine Schleuse. Roompotsluis. Angeblich weder ein Rum- noch ein Rahmtopf, sondern ein Rest von ¨romanorum portus¨, also der Römer Hafen. Die waren hier wohl, aber besonders glaubwürdig scheint mir die Erklärung eigentlich nicht.

Roompotsluis
Roompotsluis

Das waren jetzt Eingang 1 und 2.
Die Roompotsluis ist für unsereinen sehr nützlich, wenn die Tide und das Wetter bis hier reichen, und bei Niederländern, so hab‘ ich gelesen, auch beliebt als Ausgangshafen für Besuche an der englischen Ostküste. Ansonsten aber eher unspannend.
Nächster Abschnitt: Roompotsluis – Goereese Sluis. Oder auch Haringsvliet-Sluis. Oder Stellendam-Sluis. Wobei Goeree (Aussprache nach Auskunft HM Hellevoetsluis: ¨Chure-i¨) die Insel ist, auf der die Schleuse liegt, Stellendam der Ort bei der Schleuse und Haringsvliet das Gewässer, in das man kommt, wenn man durch die Schleuse fährt. Siehe hierzu auch unter: ¨Festungshaft¨.
Das war Eingang 3.
Hier hat uns das komplexe Tiefdrucksystem eingeholt, das, so konnten wir lesen, in Deutschland einiges an Schäden angerichtet hat. Was uns Gelegenheit gab, Stellendam zu besichtigen. Was schnell erledigt ist, da gibt’s nicht viel. Was wiederum die Versorgungsmöglichkeiten einschränkt. Was dazu geführt hat, dass wir wieder in Hellevoetsluis sind. Diesmal nicht im Stadthafen, sondern in der Marina.

Windmühle hinter Festungswällen: Hellefoetsluis
Windmühle hinter Festungswällen: Hellevoetsluis

Hier kennen wir auch schon vieles, aber es ist doch erheblich mehr da als in Stellendam. Und dem Wetterbericht nach werden wir noch mehr von Hellevoetsluis kennen lernen.
Über Eingang 4 haben wir als Ausgang nachgedacht. Das wäre der Nieuwe Waterweg gewesen, also der eigentliche Hauptmündungsarm des Rheins, der aber, bevor er Nieuwe Waterweg wird, Nieuwe Maas heißt, was aber nicht zu bedeuten hat, weil das meiste Wasser der Maas sowieso woanders fließt und er in Wirklichkeit eine Verlängerung des Lek ist, der eigentlich ein Rheinarm ist. Ganz einfach, oder?

Weil das ganze Gewässersystem hier doch etwas unübersichtlich ist, haben wir uns also ein Spezialkartenheft gekauft. Damit man weiss, wie man vom Haringsvliet über Spui oder Noord oder Merwede oder … und so weiter … über Dortrecht und die Alte oder Neue Maas zu Ein/Ausgang 4 (Nieuwe Waterweg, s.o.) kommt. Und dann das ganze Unternehmen aufgegeben, nachdem wir mit unserem ortskundigen Stegnachbarn darüber gesprochen haben. Das ist ein Projekt für sich, nicht mal eben eine Alternativroute bei schlechtem Wetter. Gleiches gilt wohl auch für den ganzen südlichen Teil der ¨Staande Mast Route¨. Immerhin haben wir jetzt schon mal die Karten dafür.

Viel Wasser in der Atmosphäre
Viel Wasser in der Atmosphäre

Bezüglich des Wetters halten sich hier die Verbesserungen noch in engen Grenzen.

Kleine Fische, große Fische

Eigentlich wären die Niederlande an der Schelde zu Ende. Eigentlich, hätten im 80-jährigen Krieg die Generalstaaten den Spaniern nicht ein kleines Stück Flandern abgenommen. Heute ganze 3 Gemeinden, die zu Zeeland gehören, aber auf dem Westufer der Schelde liegen. Das war damals von großem Nutzen, weil man damit die ganze Scheldemündung  unter Kontrolle hatte und die Zufahrt in’s katholische Antwerpen sperren konnte. Was man natürlich auch gemacht hat. Was den Niedergang Antwerpens und den Aufstieg Amsterdams durchaus befördert hat. Der 80-jährige Krieg, das ist der Krieg der heutigen Niederlande, damals Generalstaaten, gegen die spanisch-habsburgischen Niederlande, heute Belgien. Nachdem Philip II alle Niederländer wegen Häresie de facto hatte zum Tode verurteilen lassen. Die letzten 30 Jahre fallen mit dem zusammen, was bei uns 30-jähriger Krieg heißt. Auch nicht besser als religiöse Fanatiker heute. Und bei dem lag der Wahnsinn ja auch in der Familie, siehe unter Johanna von Kastilien.

Das seeländische Flandern ist ein bisschen ab vom Schuss, obwohl hier mit Terneuzen sogar die größte Stadt der Provinz Seeland/Zeeland liegt. Heute gibt es einen Autotunnel unter der Schelde, früher kam man hier nur mit der Fähre hin. Antwerpen liegt 45 Meilen die Schelde aufwärts, das ist schon ein beträchtlicher Umweg. Die Scheldemündung ist auch so ein Fall für sich. Der Fluß selbst ist im Oberlauf eher klein, die Mündung ist zwar breit, aber voller Sandbänke. Er wird geraten, die unmarkierten Nebenfahrwasser den Einheimischen zu überlassen – siehe Bild oben.
An der Mündung der Schelde liegt die wichtige Hafenstadt Vlissingen, englisch merkwürdigerweise Flushing genannt. Und gegenüber, auf der seeländisch-flämischen Seite Breskens. Das sich durch Fischereiwirtschaft und einen Strand auszeichnet und mit Vlissingen durch eine Personenfähre, Typ Swath, verbunden ist. Da liegen wir. Und sind auch einen weiteren Tag dort geblieben. Der Wetterbericht hat 6 Bft mit Böen bis 8 Bft vorhergesagt. Und er stimmte auch.

Der Trog ist da. Schauerböen und Starkwind - von Land aus
Der Trog ist da. Schauerböen und Starkwind – von Land aus

Statt also auf eigenem Kiel uns durchschütteln zu lassen haben wir besagte Swath-Fähre genutzt, um Vlissingen zu besuchen. Mit Hafen, historischer Innenstadt, Befestigungsanlagen an der Schelde und zur Zeit großem Jahrmarkt. Und Unmengen von Kneipen und Restaurants.
Breskens ist zu klein, um aufregend zu sein. Und im Krieg zu sehr zerbombt worden, um wirklich interessant zu sein. Erst von den Amerikanern, um die Deutschen zu vertreiben, dann von den Deutschen, um die Amerikaner aufzuhalten. Dafür hat man die Stadt mit lustigen Fisch-Skulpturen verziert. Was auch durchaus reizvoll ist und zum Fischereihafen passt.

Kleine Fische
Kleine Fische
Große Fische
Große Fische
Kein Fisch!
Kein Fisch!

Noch wackeln die Böen am Schiff, morgen früh sollen nur noch 4 Bft sein, dann gehts weiter.

Für die Großen und die Kleinen

Es hatte eigentlich Oostende werden sollen. Die Lust hat dann aber nur bis Nieuwpoort gereicht. Erstens, weil die Tide so ist, dass man, will man nicht gegen den Strom fahren, entweder ganz früh aufstehen oder ganz spät ankommen muss. Und zweitens, weil wir festgestellt haben, das all die durchaus zahlreichen Liegeplätze in Oostende entweder neben der Straße oder hinter einer Schleuse sind. Also doch wieder Nieuwpoort, 8 Meilen vorher. Da wir Nieuwpoort als Stadt mit Geschichte schon hatten, diesmal Nieuwpoort als belgischer Badeort.

Im Gegensatz zu Brighton, wo nur sehr vereinzelt Menschen zu sehen waren, die sich in die Nähe des Wassers begaben, gibt es die hier schon: Leute, die in einem Badeort auch baden. Der Strand mit der entsprechenden Infrastruktur ist vom eigentlichen gewachsenen Ortskern ein ganzes Stück entfernt, aber durch eine Promenade entlang der Ijser/Yser damit verbunden.

In diesem Strand-Nieuwpoort gibt es Unterhaltung für groß und klein.

  1. Für die ganz kleinen: Da der Strand lang und die dahinter verlaufende Strandpromenade ebenfalls lang ist, und kleine Kinder auf einer langen Straße schnell nölig werden, kann man hier Kinderbeförderungsmittel jeglicher Art mieten. Und man sieht sie alle in Bewegung. Mag sein, dass der eine oder andere heimische Zwerg bei diesem Angebot neidisch wird, aber die Dinger funktionieren natürlich nur auf der gepflasterten Promenade und nicht auf unseren heimischen Sandstränden. Schade eigentlich.

    Für die Kleinen: Belgische Kinderbelustigungsfahrzeuge
    Für die Kleinen: Belgische Kinderbelustigungsfahrzeuge
  2.  Für die etwas größeren, aber auch kleinen und manchmal ganz großen: Bei uns spielen Kinder im Hafen auch mit Senken. Hier sind die Senken wesentlich größer, entsprechend mit einer kleinen Winde versehen und fest an der Hafenmole montiert. Man kann sie mieten, für 2.10€ die Stunde. Plastiktüte für den Fang extra. Dass die Ausbeute nicht besonders hoch ist ergibt sich natürlich aus der Konkurrenz der Nachbarsenken.

    Für die Mittleren: Senken auf der Hafenmole
    Für die Mittleren: Senken auf der Hafenmole
  3. Für die Großen oder fast Großen: ¨Laser 4.7 Youth World Championship¨ oder so ähnlich. Die Reihenfolge der Begriffe könnte evt. leicht variieren, nur ¨Laser¨ und ¨4.7¨ gehören zusammen. Die Teilnehmerschaft ist wirklich international. Bei den über 300 Teilnehmern ist der Raum vor der Hafeneinfahrt voll, es ist schwierig, in den Hafen und aus dem Hafen zu kommen, ohne irgendeinen Laser zu behindern oder zu belästigen. (Für die Überhauptnicht-Segler: Ein Laser ist eine Einmannjolle mit hohem sportlichen Anspruch. Ganz einfach aufgebaut und ganz schön schnell. So leicht, dass es auch auf ein Autodach passt).

Für Morgen haben wir uns vorgenommen, mal doch früh aufzustehen und gegen Wind und Strom zu fahren. Mal sehen, wie weit die Lust reicht. Segelgarderobe ist schon umgebaut.

Zurück zum Kontinent

Das westliche Ende der englischen Südküste heißt ¨Land’s End¨. Inkonsequenter Weise heißt das Ostende aber nicht ¨Land’s Beginning¨, sondern schlicht ¨South Forlands¨. Das letzte, was wir von der großen Insel aus der Nähe gesehen haben. Dover – Dunkerque mit Westwind und so, das wir den Strom fast die ganze Zeit Richtung Osten hatten. Das heißt zwar, das wir erst nach Mittag ablegen konnten und entsprechend spät angekommen sind. Aber da man beim Queren des Verkehrstrennungsgebietes ja den Kurs nicht frei wählen kann, ist es am einfachsten, sich vom Tidenstrom so weit wie möglich in der gewünschten Richtung versetzen zu lassen. In einer langen, eleganten Kurve Richtung Dünkirchen, den Bug dabei immer schön auf 131°. So ungefähr jedenfalls, auf ein Grad genau kriegt man das ja nicht hin.

South Forelands
South Forelands

Dunkerque/Dünkirchen/Duinkerk ist ja durch die Ereignisse im 2. Weltkrieg hinreichend bekannt. Sollte da noch eine Bildungslücke bestanden haben, ist die mit Sicherheit beseitigt, wenn man vorher, wie wir, auf Dover Castle war. Von dort aus wurde damals die Evakuierung organisiert und geleitet. Was man den Besuchern in eine Ausstellung vermittelt, plus Schildern an allen Orten, die damals eine Rolle gespielt haben.
In Dünkirchen auch. Schilder, die die Ereignisse von 1940 beschreiben, gibt es auch hier zahlreich. Dünkirchen ist zwar eine alte Stadt, aber eine geschlossene Altstadt hat sich nicht erhalten. Einige Bauten gibt es, wie z.B. der ¨Tour du Leughenaer¨. Ein ehemaliger Wehr- und späterer Leuchtturm. ¨Leughenaer¨ kommt von Lügner.
Überhaupt sind hier Ortsnamen von urfranzösischen Begriffen wie Coudekerk, Bourgh, Rosendael geprägt. Die Gegend hier wurde erst von 14. Ludwig, dem, der der Staat war, den Niederländern abgenommen. Oder richtiger, den Spaniern, die damals in den Niederlanden das Sagen hatten. So heißt sie denn auch französisch Flandern.
Wenn’s Flandern ist, muss es natürlich auch in jeder Stadt einen Belfried geben. Gilt auch für Dünkirchen. Sogar zwei: Einen am Rathaus und einen an der größten Kirche, Saint Eloi. Der war mal der Kirchturm, aber da die Kirche bei einem der zahlreichen Kriege, die Dünkirchen auch früher schon überstehen musste, abgebrannt ist und dann aus Geldmangel kleiner wieder aufgebaut wurde, steht er heute frei.

Und offensichtlich auch stabil. Was verwundert, wenn man hört, das die Fundamente nur 1.70 tief gehen. Das haben wir erst gelesen, als wir oben drauf standen. Aber er hat ja die letzten 800 Jahre gehalten, trotz dürftiger Fundamente, Sandgrund und reichlich Glocken oben drauf. Inklusive Carillon, das aber nicht gespielt wurde als wir da waren.

Carillon Dunkerque
Carillon Dunkerque

Bergues, 11Km südlich von Dunkerque, hatte man ein wenig vergessen.
Dunkerque hatte ihm als Hafen den Rang abgelaufen. Unter dem Sonnenkönig befestigt, aber ansonsten nett, aber verschlafen.

Bergues, Befestigung (Vauban)
Bergues, Befestigung (Vauban)

Bis die Filmleute kamen und den Film drehten, der auf Deutsch ¨Willkommen bei den Schti¨ heißt. Wobei es auch nicht stört, das die ¨Ch’ti¨ ein paar Kilometer weiter westlich zu Hause sind, hier ist ja, s.o., französisch Flandern. Der Gastronomie und der Andenkenindustrie von Bergues hat es jedenfalls Auftrieb gegeben. Und als ¨Ch’ti¨-Tourist kann ich bestätigen, die Stadt wirkt wirklich so wie im Film. Und hat sogar mehr interessante Ecken, als der Film zeigt.

Bergues
Bergues

Das Carillon wurde gespielt, alle Viertelstunde einmal.
Die Terrasse am Kanal, in die der Held betrunken hineinrasselt, haben wir nicht gefunden.

Morgen weiter nach Osten, in’s belgische Flandern.

Halb so groß wie Delmenhorst …

Auch wenn es uns etwas gegen den Strich ging, die Entscheidung, in Brighton abzubrechen war wohl nicht ganz verkehrt. Entweder haben wir keinen Wind, zuviel Wind oder Ostwind. Mehr als die Hälfte der Zeit für die Rückfahrt vorzusehen scheint richtig gewesen zu sein. Nur nach der langjährigen Statistik herrscht überwiegend Westwind. Leider hält er sich aber nicht daran. So also die gleiche Streck zurück wie hin. Eigentlich hatte es ja England rauf, Frankreich runter werden sollen.
Vormittags aus Sovereign Harbour bei Eastbourne raus. Da gibt es nicht nur Martellos als Zeugen der Geschichte, sondern auch ein Wrack. Und ein Schild, das u.A. darauf hinweist, wer die Bösen waren, die das Schiff zum Wrack gemacht haben, am Anfang des 2. Weltkriegs. Das Wrack selbst ist weitgehend zerfallen, was noch dräut und auf unvorsichtige Sportbootfahrer wartet, sind die Dampfkessel. Direkt neben der Hafeneinfahrt. Einmal haben wir mitgehört, wie ein Hafenmitarbeiter einen Bootsführer freundlich aber nachdrücklich von der Gefahrenstelle weg geführt hat. Es hat auch Vorteile, dass die Häfen hier personel gut bestückt sind.

Sovereign Harbour, Eastbourne, Dampfkessel
Sovereign Harbour, Eastbourne, Dampfkessel

Mit Nordwind, durchaus kräftigem an Hastings vorbei und um Dungeness herum. Dungeness, das ist eine flache Halbinsel vor der südenglischen Küste, die sich durch Künstlerkolonien, eine spleenige Minieisenbahn, ein Kernkraftwerk im Naturschutzgebiet und durch die Tatsache, das der Tidenstrom östlich und westlich davon zeitweise entgegengesetz läuft, auszeichnet.

Geschickt ausgenutzt hat man so mehr als 7 Stunden mitlaufende Tide. Ganz bis Dover hat es nicht gereicht, der Wind hat auf Ost gedreht und das letzte Stück musste dann Wind aus dem Tank herhalten.
Also wieder Dover. Rye geht nur bei Hochwasser, Folkstone hat einen sehr rustikalen Hafen, der zudem vor Ostwind nicht schützt. Und Hastings hat eigentlich gar keinen Hafen, obwohl es doch zu den Cique Ports gehört. Dafür eine Seebrücke, die aber deutlichst das Ende ihrer Lebenszeit

Hastings mit verschraddelter Seebrücke
Hastings mit verschraddelter Seebrücke

erreicht hat.
Und da der Skipper bei seinem ersten Besuch in Dover etwas fußkrank war, gibt’s in Dover noch genug zu besichtigen.

Die Stadt Dover kennt eigentlich jeder, zumindest vom Namen her. Was natürlich an ihrer besonderen Lage an der Südostecke der großen Insel liegt, die wir oft fälschlich als England bezeichnen.
Dover ist ungefähr halb so groß wie Delmenhorst, aber ein bisschen interessanter. Erstens, weil es landschaftlich schön liegt. Zweitens, weil es eine lange und bewegte Geschichte hat, von der noch etliches zu sehen ist. Schon die Römer hatten hier ein Kastell. Liegt heute unter der modernen Bebauung. Zu sehen ist heute nur der Rest eines römischen Hauses, das beim Bau des Kastells zugeschüttet wurde, was die antiken Wandmalereien konserviert hat. Heute das ¨Painted Roman House¨.
Als William the Conquerer, von Hastings kommend auf dem Weg nach London – auch nicht die kürzeste Strecke – hier vorbei kam, haben seine Soldaten die Burg – jetzt schon an der heutigen Stelle – angezündet und niedergebrannt. William hat den Schaden bezahlt und die Burg wieder aufgebaut. Offenbar hat man hier schon länger Probleme mit Vandalismus.

Einer seiner Nachfolger, Henry II, hat dann die heute noch erhaltene normannische Burg dort hingestellt. Eine der größten und am besten erhaltenen. Die hat man in jüngster Zeit auch innen so ausgestaltet, wie sie zu seiner Zeit ausgesehen haben könnte.

Raumgestaltung, 12. Jahrhundert
Raumgestaltung, 12. Jahrhundert

Heinrich der Zweite, das war der Vater von Richard Löwenherz und Johann Ohneland und noch weiteren problematischen Nachkommen. Den Darstellungen im Dover Castle zufolge hat er mehr Kriege gegen die Armeen seiner eigenen Kinder geführt als gegen äußere Feinde. Zerrüttete Familienverhältnisse.
Aber die Burg ist geblieben, immer weiter ausgebaut und bis nach dem 2. Weltkrieg militärisch genutzt worden.
Auf dem Gelände finden sich auch eine sächsische Kirche und ein römischer Leuchtturm. Beides natürlich nicht mehr im Urzustand. An der Kirche findet man noch eine zugemauerte Tür aus ihrer Anfangszeit. Alles andere ist dem Laien nicht sichtbar. Und der Turm ist normannisch aufgestockt, aber noch als römisch erkennbar. Siehe Bild ganz oben.
Das war der Ostturm, der Westturm ist einer weiteren Festung zum Opfer gefallen, die Napoleon fernhalten sollte. Der ist ja dann auch nicht gekommen.

Dover Castle Hintereingang
Dover Castle Hintereingang

Stürme und Türme

Alles war fertig. Früh aufgestanden, um den ostwärts setzenden Strom auszunutzen. Den neusten Wetterbericht geholt und alles wieder abgeblasen. Wir sind immer noch in Eastbourne. Hier 5-6, in der Straße von Dover 7 Bft. Und zwar dann, wenn man dort ankäme. Vernunftige Ausweichhäfen gibt es nicht, denn Rye (siehe ¨Rye¨) ist nur bei Hochwasser anzulaufen, und Folkestone liegt so dicht an Dover, das es sich nicht lohnt. Von der sehr rustikalen Infrastruktur ganz abgesehen. Man muss also durch bis Dover, um Dungeness herum. Morgen Wettervorhersage mit 8 Bft. Die englische, detaillierte Küstenwettervorhersage.

Anderes Thema:

Die Briten hatten in ihrer Geschichte des öfteren mit Invasionen gerechnet. Bei einem Volk, das, wie man an der Sprache erkennt, zum Teil von erfolgreichen germanischen (Sachsen) und zum anderen Teil von ebenso erfolgreichen romanisierten (Normannen) Invasoren abstammt, nicht verwunderlich. Der Anteil der keltischen Wörte im englischen Vokabular liegt jedenfalls im Sub-Promillebereich. Ich kenne nur ¨galore¨.
Die letzte erwartete französische Invasion hat jedenfalls nicht statt gefunden. Aber man hatte sich darauf vorbereitet. Unter anderem mit ¨Martellos¨. Rund Türme mit Unterkünften für die Besatzung und einem Geschütz oben drauf. Angeblich haben zwei britische Schiffe in Italien einen solchen Turm drei Tage lang beschossen, bis die Besatzung sich ergab. Was die Briten so beeindruckt hat, dass sie ähnliche Türme gebaut haben, um Napoleons Truppen eine Landung zu vermiesen. Details findet man bei unser aller Lieblingsonlinelexikon.

Martello-Turm
Martello-Turm

Da die Martellos sehr solide gebaut sind, stehen sie hier immer noch rum. Überall da, wo die Küste für eine Landung geeignet gewesen wäre und die See sie noch nicht wieder abgeräumt hat. Und in Schussweite. Manche sind bewohnt – stabile Bauweise, unverbaubarer Seeblick, eigene Wasserversorgung. Andere als Antennen-, oder, wie hier an der Hafeneinfahrt, Kameraträger. Und manche einfach nur so, völlig zweckfrei. Auf dem Bild ganz oben kann man bei genauem Hinsehen ihrer drei entdecken.

Freunde dicker, eigentlich unübersetzbarer englischsprachiger Romane werden sich vielleicht erinnern, das ein dicker, eigentlich unübersetzbarer englischsprachiger Roman auf einem solchen Turm beginnt.

Usurpatoren, Eroberer, Vogelscheuchen

Pevensey liegt 3 Kilometer von der Marina Eastbourne entfernt. Der Ort ist niedlich, aber bedeutungslos. Heute.
Als die Römer noch über Britannien herrschten war alles anders. Unsere germanischen Vorfahren waren damals intensiv bemüht, im Britannien Resourcen und Immobilien zu erwerben. Allerdings mit Methoden, die hier nicht besonders geschätzt wurden. Weshalb das Imperium einen menapischen General beauftragte, den Seeräuberunwesen der Franken und Sachsen ein Ende zu bereiten. Menapier heißen heute Belgier. Der Auftrag wurde so gut erledigt, das besagter Menapier selbst zur Gefahr für den Kaiser des Westreichs wurde und man ihn kurzerhand als Hochverräter verurteilte, in Abwesenheit. Woraufhin er sich, um sein Leben zu retten, ebenfalls zum Kaiser ausrufen ließ. So jemanden nennt man ja Usurpator – zumindest, wenn’s nicht klappt. Da das Ausrufen alleine nicht reicht, wurden auch militärische Maßnahmen eingeleitet und Festungen/Lager/Burgen gebaut, um eine Landung der imperialen Truppen zu verhindern.
Das ist zumindest eine der Versionen, die man zu Castrum Anderitum finden kann. Eine andere ist, dass es der Abwehr der fränkischen und sächsischen Piraten diente.
Jedenfalls haben die Römer, welche auch immer, auf einer Insel vor der Südküste dieses Kastell erbaut. Eines von vielen. Die Nutzung ist bis zum Jahr 491 (Angle Saxon Chronicles) bzw. 471 (neuer Forschungen, Datierungsfehler in den A.S.C.) belegt. Da haben die Sachsen gesamte Einwohnerschaft des ehemals römischen Castells umgebracht. Damit verschwindet Castrum Anderitum für einige Jahrhunderte im Dunkel der frühen Mittelalters.

Pevensey Castle, römisch
Pevensey Castle, römisch

Nachdem unsere Vorfahren das Geschäft der Seeräuberei aufgegeben hatte, waren ja die nördlichen Nachbarn in diese Marktlücke gestoßen. Die hießen dann Wikinger oder, nachdem sie französisch gelernt hatten, Normannen. Waren mit den britischen/sächsischen Königen irgendwie verbandelt und stellten irgendwelche Ansprüche auf den Thron. Vermutlich waren auch hier Immobilien und Resourcen der wirkliche Grund.
Jedenfalls hat ein Sohn eines normannischen Herzogs, aber nicht der Herzogin – seine Zeitgenossen nannten ihn Guillaume den Bastard – die Abwesenheit von Heer und König in Südengland ausgenutzt und ist dort mit großem Kontingent gelandet. Die englische Armee musste sich gerade weiter nördlich mit den Norwegern(Wikingern?) rumschlagen. Und als man sich um das normannische Problem kümmern konnte, war es deutlich angewachsen. Guillaume hatte sich in dem alten, aber großen römischen Kastell verschanzt und es ausgebessert.

Pevensey Castle, Normannisch
Pevensey Castle, Normannisch

Merke: William the Conquerer ist nicht in Hastings gelandet, sondern in Pevensey. Das zu diesem Zeitpunkt immer noch eine Insel war, auf dem die Ruinen eines römischen Kastells standen. Wie’s weiter geht ist allgemein bekannt: Es kam zur Schlacht von Hastings. Die auch nicht in Hastings statt fand, sondern an einem Ort, der heute Battle heißt. Und in dem noch eine Kirche an diese Ereignis erinnert.

Pevensey Castle: Links normannisch, hinten und rechts römisch
Pevensey Castle: Links normannisch, hinten und rechts römisch

Für uns wäre es einfacher, wenn die Normannen nicht gekommen wären. Dann müssten wir uns nicht mit der komplizierten englischen Sprache rumschlagen und die Briten würden heute noch ein vernünftiges Plattdeutsch sprechen.
Guillaume, der jetzt William the Coquerer genannt werden wollte, hat das Kastell an seinem Halbbruder gegeben. Und der und seine Nachfolger haben es zu einer ¨modernen¨ normanischen Burg ausgebaut.
Die Burg hat dann ihre Bedeutung verloren. Erstens, weil die Küstenlinie sich verändert hat und sie damit im Landesinneren an einer strategisch unbedeutenden Stelle lag. Und zweitens, weil Burgen durch die Waffenentwicklung überholt waren.
Oder doch nicht? Im zweiten Weltkrieg hat man hier eine kanadische Garnison gehabt und die Gemäuer mit ¨Pillboxes¨ , den englischen MG-Ständen, versehen.
Heute ist, wie schon gesagt, Pevensey ein kleines, unwichtiges Landstädtchen mit einer, selbst für englische Verhältnisse, riesigen Burg. Ein paar netten alten Häusern, einer Kirche unbestimmten, aber mindestens normannischen Alters. Und, im Moment, mit einem Vogelscheuchenwettbewerb.
Morgen soll es wieder Wind geben und die Nomaden (nicht Normannen) ziehen weiter.

 

On Top of a Head

Martin, vielen meiner Big Band Kollegen und sonstigen Mitmusikern noch als Bassist bekannt, hat mir mal gesagt: ¨Eastbourne? Was willst’e denn da? Da drücken Leute unseres Alters ja noch den Altersdurchschnitt!¨ Und Martin muss das wissen, er stammt aus Eastbourne. Ich habe schon länger eine Sechs vorne an der Altersangabe. Und meine mich zu erinnern, dass Martin sich schon als Rentner geoutet hat, als ich noch in Lohn und Brot stand.

Bandstand Eastbourne. Martin, hast Du hier auch schon gespielt ?
Bandstand Eastbourne. Martin, hast Du hier auch schon gespielt ?

Wenn man so durch Eastbourne geht, Seebad in Sussex mit guter Luft und viel Sonnenstunden, scheint das nicht ganz der Wahrheit zu entsprechen. Richtig ist: Es gibt auffallend viele sehr alte Leute. Andererseits aber auch Jugendliche und Kinder, und auch junge Familien mit kleinen Kindern. Kann natürlich sein, dass sich das außerhalb der Sommersaison anders darstellt, wenn die ganzen Sprachkurs-Teilnehmer nicht mehr da sind. Dann verschiebt sich die Altersstatistik vermutlich signifikant nach oben.

Zumindest haben wir gelernt, dass die Stadt einiges tut, um für junge Familien attraktiver zu werden.
Für Touris wie uns ist sie jedenfalls nicht unattraktiv. Die Stadt nicht, und die Umgebung schon gar nicht.
Zur Umgebung gehört das schon erwähnte Kap Beachy Head, die höchste Kreideklippe der ganzen großen Insel. Da Schwachwind angesagt ist, ist die Gelegenheit günstig, sich Beachy Head auch von der Landseite anzusehen. Haben wir gemacht. Anfahrt durch die Stadt, nun ja, etwas mühsam. Es gibt zwar ausgewiesene Radwege, aber häufig sind die über Fußwege geführt, und die Fußgänger rechnen nicht mit ¨Cyclists¨. Die müssen sowieso immer wieder ¨dismout¨-en. Ehrlicherweise muss man zugeben, dass der motorisierte Verkehr in diesem Lande auch nicht viel schneller voran kommt. Freundlich, in der Regel höflich und rücksichtvoll, aber langsam. Englische Straßen sind oft eng, zugeparkt und reichlich mit Linienbussen bestückt.
Und vor der Stadt dann ¨Up the hills and down the Hills¨. Der Weg hinaus ist schön, und das Ziel lohnt die Mühe. Die vielen anderen Touris stören nicht, die verlaufen sich dort. Oder tragen zum Gesamterlebnis bei. Wie die junge Dame, die sich zwecks Ablichtung auf einen Felsvorsprung gestellt hat, den ich nicht auf allen Vieren betreten hätte. Geschätzte mögliche Absturzhöhe: 160 m. Manche Leute haben weder Höhenangst noch ganz normale Angst. Hab’s dokumentiert, kann es aber wegen des Persönlichkeitsschutzes hier nicht einstellen. Das erspart außerdem möglicherweise den Angehörigen eine Herzattacke.

Seebrücke mit Basie-Sound
Seebrücke mit Basie-Sound

Natürlich hat auch Eastbourne eine Seepier, ohne solch ein Bauwerk ist ein englischer Badeort nicht vollständig. Das hier auf der Seebrücke allerdings Stücke aus den Lautsprechern erschallen, die wir mit der Bigband auch spielen, sollte mich mal über mein Alter nachdenken lassen. In Brighton war das nämlich nicht so. Siehe oben, zur Altersstatistik.
Zu Eastbourne gibt’s auch einen bösen Spruch: ¨God’s waiting room.¨
Morgen voraussichtlich auch kein Wind. Mal schauen, was hier sonst noch so geht.