Das kleine Kliff

Der Plan mit dem Wind hat geklappt, im Wesentlichen. Mit Halbwind in die Köge-Bucht, und heute mit Halbwind wieder heraus. Die Vorhersage war vormittags südwest, ab Mittags sollte er, der Wind, auf West drehen und zulegen, bis 6 Bft. Da hätten wir nur noch ein kleines Stück am Wind gehabt. Leider hat sich der Wind nicht genau  an die Vorhersagen gehalten und kam immer noch aus Südwest, als wir um die Ecke kamen. Was uns ein paar Kreuzschläge extra beschert hat.

Track Köge-Rödvig

Die Ecke, das ist Stevns Klint, sozusagen das kleine Geschwister (man beachte das Neutrum!) von Möns Klint. Nicht so hoch und nicht so berühmt, dafür aber länger. Auch nicht weit davon entfernt, wenn die Sicht einigermaßen ist, kann man Möns Klint in der Ferne sehen. An Stevn Klint kann man an einigen Stellen die Sedimentschicht sehen, die den Faunenschnitt der Kreidezeit markiert, das Aussterben der Saurier. Was dazu geführt hat, das die Klippen zum Weltnaturerbe erklärt wurden. Einerseits. Anderseits wird das Kreidegestein, was ja auch nichts weiter als Kalk ist, bis heute wirtschaftlich genutzt. Sprich: Abgebaut und in Kalköfen in Mörtel-Grundstoff oder, ohne Öfen,  in Schul- und Malkreide, verwandelt.

Kreideabbau an Stevns Klint

Da Kreide ja nun mal kein sehr stabiles Material ist, wird das Kliff immer kleiner. Nicht nur in geologischen Zeiträumen, man kann das auch sehr schön an der Kirche von Höjerup sehen. Die stand zu nahe an der Kante, heute fehlt ein Stück. Das ist 1928 mit dem Kliff in die Ostsee gefallen. Der Rest scheint aber stabil zu sein, er wird noch genutzt.

Kirche von Höjerup

Die gleiche Formation, die Möns Klint und Stevns Klint bildet, setzt sich übrigens auch unter Kopenhagen fort. Was dort für den Ubahn-Bau durchaus vorteilhaft war.

Rödvig, unser Zielhafen, lebte früher von der Fischerei und vom Kalk Brennen. Heute auch noch von der Fischerei, ein großer Teil der Fischereihafens ist heute allerdings für Yachten freigegeben. Der schon vorher vorhandene Yachthafen hat wohl nicht mehr ausgereicht. Ganz schön so, mehr Hafen- und weniger Campingplatz-Ambiente.

Morgen soll es weiter aus Südwesten wehen. Da sich das Planen nach der Windvorhersage gestern und heute bewährt hat, wird´s vermutlich Richtung Klintholm gehen. Einerseits liegt das gut zur vorhergesagten Windrichtung, andererseits gibt es da ein vorzügliche Fischbuffet. Wenn´s denn noch auf hat, wenn wir kommen. Da haben da so merkwürdige, mehr Anbieter-orientierte Öffnungszeiten. Man muss da seinen Hunger an das Restaurant anpassen, sonst kriegt man nichts mehr.

Nachtrag: Wie der Chronister aus lokaler Quelle erfahren hat, ist der oben angeführte Steinbruch schon seit längerem nicht mehr im Betrieb. Zumindest werden keine Steine mehr gebrochen. Dafür darf man Fossilien sammeln. Aber nur sammeln, nicht heraus brechen. Das passt auch besser zum Welterbe-Status.

Völlig benebelt

Der Abend in Kopenhagen wurde durch periodisch wiederkehrende Geräusche geprägt. Die kamen aus unterschiedlichen Richtungen, auch übers Wasser, und hatten vermutlich den Zweck, Primaten zum Bewegen der Extremitäten zu veranlassen. Der Lärm erstreckte sich bis weit nach Mitternacht ohne das sich an dessen Ausprägung wesentliches geändert hätte. (Dumm-dumm-tatata-dumm o. ä.)
Am Morgen wurde die akustische Umgebung dann durch lange Töne tieferer Frequenz geprägt. Erst allmählich dämmerte dem Erwachenden, dass es sich um Nebelsignale der vorbeifahrenden Schiffe handeln könnte.
Frühmorgendliche Sichtkontrolle ergab: Meerjungfrau völlig benebelt, gegenüber liegendes Ufer und Schifffahrt komplett außer Sicht.

Unter solchen Umständen kann man sich Zeit mit dem Frühstück lassen. Kein vernünftiger Skipper fährt bei solchem Nebel los. Zeitweise wäre es schon schwierig gewesen, überhaupt die Ausfahrt zu finden. Ein großes Kreuzfahrtschiff dicht an unserem Liegeplatz fest gemacht,  war kurz sichtbar, nach 2 Minuten aber schon wieder im Nebel verschwunden. Gegen neun verließen einige Yachten den Hafen, gegen 10 nach neun fuhren einige in den Hafen. Es waren die gleichen.

Erst gegen 10 löste sich der Nebel auf, die Sammlung der Kreuzfahrtschiffe wurde sichtbar und die Yachties strömten auf´s Wasser. Wir auch.

Abfahrt aus Kopenhagen

In der Nähe der Wasseroberfläche noch diesig, die Pylone der Öresundbrücke aber schon gut erkennbar. Man fährt vor Kopenhagen im spitzen Winkel in das Hauptfahrwasser, das über den Tunnel zur Öresundbrücke Richtung Süden, zur Ostsee, führt. Vor uns die Brücke, rechts der Flughafen und hinter uns ein Frachter. Und dann, in weniger als einer Minute, alles weg. Alles im Nebel verschwunden. Nun kann man sich zwar heute dank GPS auch ohne Sicht außerhalb des Fahrwassers halten. Aber schön ist es trotzdem nicht, vor einem hupenden Frachter  durch den Nebel zu fahren. Das ist schon bei guter Sicht nicht schön.

Seenebel

Nächster Hafen: Dragör alter Hafen. Schon in der Einfahrt zu erkennen: Hier kreisen etliche, die hier Zuflucht gesucht haben. Also weiter, Dragör Marina. Das sind nur ein paar hundert Meter, und hier war Platz. Warten, dass der Nebel sich auflöst. Einmal auf die Festung, und siehe, bis man da oben ist, ist der Nebel schon deutlich weniger geworden. Also wieder an Bord. Inzwischen strahlender Sonnenschein.

Nur, es ist zu spät geworden für unseren Zielhafen. So beschließen wir, uns an die Windvorhersage anzupassen. Heute mit Südost nach Köge, morgen mit West wieder aus der Bucht und weiter.

Wir waren noch nie in Köge, wie wohl die meisten anderen nicht-dänischen Segler auch. Es liegt auf keiner normalen Route. Wenn man hier vorbeikommt, ist man entweder auf dem Weg nach Kopenhagen oder nach Mön. Jeder Segler kennt die Köge-Bucht, aber wenige kennen Köge. Auch wir haben erst im Hafen festgemacht und dann nachgesehen, wer oder was Köge eigentlich ist.

Köge

Und siehe, es wurde beschrieben als eine der Städte mit dem am besten erhaltenen mittelalterlichen Stadtbild in Dänemark. Wir können es bestätigen. Und ohne den Nebel wären wir nie hin gekommen.