Göta kanals höjdpunkt

Von mehreren unserer Freunde wurde uns empfolen, Forsvik unsere Aufmerksamkeit zu widmen. Und zwar aus unterschiedlichen Gründen. Wegen des Industriemuseums, wegen des Cafes am Kanal und wegen der Schleuse.
Empfangen hat uns Forsvik mit Menschenmassen, Blasmusik und, etwas später, Gummientenrennen. Heute ist Sonntag, und das merkt man am Trubel. Alle paar Minuten fährt eine Feldbahn zum Industriemuseum. Das ist sicher lustig, vor allem mit Kindern. Allerdings kommen selbst Fußkranke da auch so hin.
Forsvik gab es schon lange bevor man mit dem Kanalbau angefangen hat. Hier fließt das Wasser mit einigem Gefälle, heute etwa 3 1/2 Meter, vom Vixen in den Vättern. So ist hier zunächst eine Mühle entstanden. Da genügend Wasserkraft zur Verfügung stand, kamen andere Betriebe dazu. Insbesondere die mittelschwedische Eisen- und Stahlindustrie hatte hier eines ihrer Zentren. Bei uns gibt es ja die Redensart von den ¨schwedischen Gardinen¨.
Für den Göta-Kanal ist der See Vixen der höchste Bereich, die Scheitelstrecke. Und einer der bautechnisch schwierigen, denn die beiden Seen sind durch Felsen getrennt. So hat man klugerweise hier angefangen zu bauen. Wenn man scheitert, dann gleich zu Anfang. Dieser Teil des Kanals, der jetzt die beiden Seen über eine Schleuse verbindet, ist also der älteste und auch der engste. Die Schleuse ist nicht nur eine der beiden höchsten, sie hat auch den größten Hub und sie ist, als einzige, zumindest teilweise direkt aus dem gewachsenen Fels gehauen und gesprengt. Was nicht so ganz gelungen ist, sie ist unten deutlich enger als oben. Was beim aufwärts Schleusen nicht stört, da sieht man das ja. Abwärts könnte es schon etwas eng werden, wenn man nicht gewarnt ist.

Schleuse Forsvik, aus dem Fels gearbeitet

Auch die kurzen Kanalstücke, die die Schleuse mit den beiden Seen verbinden, sind sehr eng geraten. Begegnungen sind selbst für größere Sportboote nicht möglich. Von ¨Wilhelm Tham¨, ¨Juno¨ und ¨Diana¨ gar nicht zu reden. Sicher ein spannendes Schauspiel, wenn die sich hier durchschieben. Kann man sich vom Cafe am Ufer bei Kaffee und Kuchen anschauen.
Mit dem Kanalbau hat die Metallindustrie hier einen Boom erlebt, Forsvik wurde ein Begriff. Das Produktspektrum war, ähnlich der wenig später entstandenen Motala Verkstad, riesig. Heute kann man eine ebenso umfangreiche wie lohnende Ausstellung besuchen, in der die Geschichte dieser Metallindustrie gezeigt wird. In der Gießerei wird noch gegossen, das riecht man. In der Schiede wird noch geschmiedet. Das haben wir gesehen. Man findet zahlreiche Holzmodelle für die Gießerei. Und vieles mehr. Leider, für uns, sind fast alle Beschreibungen nur auf schwedisch. So muss man sich vieles selbst zusammen reimen.

Schmiede. Die Dame ist echt, darum auch der anachronistische Gehörschutz

Auf dem Gelände findet sich auch eine Werft, die eine Replik eines der ersten Dampfschiffe, das auf dem Kanal eingesetzt wurde, gebaut hat. Das Original liegt im Vättern auf ca. 45 m Tiefe. Interessanterweise sind die Bordwände im Bereich der Räder nach innen gezogen, der Rumpf hat also eine Form, die einer Violine ähnlich ist und auch so heißt. Anders wäre man mit den Rädern nicht durch die Schleusen gekommen.

Eric Nordevall II

Danke allen Tippgebern, ich hoffe, ihr habt euch wiedergefunden. 😉

Am Abend, nachdem sich die Menschen- und Bootsmassen aufgelöst haben, habe ich noch gelernt, dass mir in der Schule etwas falsches beigebracht wurde. Nämlich dass im Norden Europas keine Schlangen vorkommen, weil es denen dort als wechselwarmen Tieren zu kalt ist. Stimmt offensichtlich nicht. Bin hier zwei Exemplaren begegnet. Eines der Art ¨serpens palsteki¨. (In Schweden kommt die Schlange aus dem Loch, windet sich um die Prinzessin und zieht sie dann in´s Loch. Bei uns, in einer Republik, geht das ja nicht. Mangels geeigneter Prinzessinnen)
Bei der anderen Schlange bitte ich die biologisch besser gebildete Leserschaft, mir bei der Bestimmung zu helfen. Bild liegt bei.

Serpens palsteki
Was ist das?

Für die nächsten Tage ist Starkwind angesagt. Draussen geht´s schon los, während ich noch tippe. Das Barometer ist so schnell gefallen wie selten und heute war es sehr heiß. Mal sehen, was da jetzt kommt.

Auf hohem See

Wir verlassen Motala und damit den Ostteil des Kanals. Dazu überquert man den Vättern, einen der drei großen Seen Schwedens. Mit 135 km Länge, 31 km Breite und 1886 Quadratkilometern Fläche schon ganz schön viel See.  Und mit 88 Metern über dem Meeresspiegel auch die höchste Wasserfläche, die Martha je befahren hat. Zum Vergleich der Bodensee: 63 km lang, 14 km breit, 536 Quadratkilometer Fläche. Und den müssen wir uns noch mit den Nachbarn teilen. Für den Kanalbau ungünstig erstreckt sich der Vättern in Nord-Süd-Richtung. Aber einen Kanal von Trelleborg nach Lappland wollte man damals nicht bauen. Immerhin auch quer mal so viel Wasser am Stück, dass es sich lohnt die Segel rauszuholen. Beide.

Inseln im Vättern

Im Vättern liegen einige Inseln und Inselchen. Die Insel weiter im Süden, hier mehr Inselchen. Und ein militärisches Übungsgebiet, in dem aber zum Glück für uns gerade nicht geübt wurde. Bei Karlsborg geht der Kanal dann weiter. Dort ist der Skipper leider beim Versuch, die entschlüpfte Heckboje doch noch mit der Hand zu fassen, heftig mit dem Achterstag kollidiert. Dem Drahtseil macht das wenig aus, dem kahlen Haupte des Kapitäns schon mehr. Nachdem der, Sabine sei Dank, verpflastert und die vollgeblutete Oberbekleidung bearbeitet war, haben wir uns noch das angesehen, was Karlsborg den Namen gegeben hat: Karls Burg. Richtiger Festung, denn so alt ist die Anlage noch nicht. Nach dem Ende der schwedischen Großmachtzeit, als man Schweden nicht mehr an der polnischen oder finnischen Grenze verteidigen konnte, hatte man sich etwas neues ausgedacht:
Wenn der böse Feind ins Land kommt, dann lässt man ihn sich in den schwedischen Wäldern die Füße wund laufen. Dazu wird alles Wichtige wie Staatsführung, Gold und König und was noch so als staatserhaltend angesehen wurde, im Kernland eingeigelt. Und diese Einigelfestung liegt hier. Genau da, wo der Götakanal den Vättern kreuzt, in der Mitte zwischen den beiden größten Städten Stockholm und Göteborg.

Festung Karlsborg

Funktioniert hat das natürlich nicht. Erstens, weil es doch klare Zeichen von Größenwahn aufweist. Und zweitens, weil die technische Entwicklung das Ganze überholt hat und die Festung den Waffen, die es gab, als sie fertig war, nicht gewachsen war. Militärische Gebiet ist sie immer noch, auch wenn man sie heute betreten und besichtigen kann. Wir haben nur einen Teil angesehen, von der Kirche bis zur Villa des Königs sind es mehr als ein Kilometer. Immerhin sieht alles noch gepflegt aus, es scheint also immer noch staatliches Geld in die Anlage zu fließen.

Motala

Borensberg liegt am Ostende des Sees Boren und am Göta-Kanal und gehört zu Motala. Es ist nett, aber nicht aufregend. Borenshult liegt am Westende des Sees Boren, gehört zu Motala, liegt am Kanal und hat eine der Schleusentreppen dieses Kanals. Was unter Umständen zu längeren Aufenthalten führen kann. Man kann ja auf so einer Treppe nicht abwechselnd rauf und runter schleusen. Wenn es abwärts geht, muss unter der obersten, vollen Kammer eine leere liegen. Wenn die oberste leer und die zweite von oben voll ist, muss die dritte leer sein, und so weiter. Aufwärts hingegen muss immer eine volle Kammer oberhalb der zu schleusenden Schiffe liegen. Und die Herstellung des Ausgangszustands, optimal: aufwärts alle voll bis auf die unterste, abwärts alle leer bis auf die oberste, braucht Zeit. Kommen dann noch Berufsschiffe dazu, die Vorang haben, kann es auch mal viel Zeit sein.

Verschleust, war noch voll

Da brauchbarer Segelwind herrschte haben wir den Borensee unter Segeln gequert (eigentlich gelängst, aber das Wort gibt´s leider nicht). Weil wir zudem faul waren und der See auf der Karte klein aussah, nur unter Vorsegel. Einige Wassersportskameraden haben uns, meist unter Motor, überholt. Hat ihnen nicht geholfen, denn an der Schleusentreppe haben sich alle wieder getroffen. Und siehe, die letzten werden die ersten sein. Da Martha so klein ist (für Ostseeverhältnisse), wurde sie bei einem Dicken mit eingefädelt, weil sie da noch rein passte. Auf dem Kanal sind alle gleich schnell, oder auch langsam, nämlich 5 kn. Und so waren wir dann beim ersten Pulk in Motala. Die Schleusen gruppieren die Boote ja ganz automatisch in Vierer-Konvois. Oder eben, in unserem Fall, in Dreiergrüppchen.
Motala. Der Kanalreisende weiß natürlich, wo das ist. Hier ist der Kanal-Nabel. Die Stadt etwa in der Mitte, hier ist die Kanalverwaltung. Und wärend der Bauzeit war hier die Zentralwerkstatt, wo alles hergestellt wurde, was man für den Kanalbau so brauchte, wie Spaten, Schaufeln, Schleusentore. Später auch Schiffe, wie die bereits erwähnten Kanal-Passagierdampfer. Aus der Kanalwerkstatt ¨Motala Verkstad¨ hat sich ein Universal-Metallbetrieb entwickelt, der von Schiffen über Lokomotiven und Kochtöpfen bis zu Minen und Torpedos so ziemlich alles hergestellt hat, was man aus Eisen und Stahl herstellen kann. Wenn auch nicht alles mit Erfolg.

Motala Verkstad Industriemuseum

Bekannte Ableger, wenn auch vielleicht nicht im rechtlichen Sinne, sind Firmen wie Elektrolux (Küchengeräte), Luxor (Radios etc) und Husquarna (auch so´n Universalbetrieb, Nähmaschinen, Rasenmäher bis Cross-Motorräder). In Teilen ein Produkt der Motala Verstad soll die Nautilus sein. Schreibt jedenfalls Jules Verne. Ein ganzes Uboot hätte wohl auch nicht durch den Kanal gepasst.
Heute befindet sich in einer der verbliebenen Werkshallen ein Industriemuseum, das einen Querschnitt durch die erfolgreichen und erfolglosen Produkte und auch etliches zur Produktion zeigt.  Mit Elektrolux und Luxor, aber ohne Husquarna.
Wer noch nie etwas von der Verkstad gehört hat, dem könnte der Name Motala trotzdem bekannt vorkommen. Wenn er denn, wie ich, alt genug ist zu wissen, wie ein richtiges Radio aussieht. Links ein Drehknopf für die Lautstärke, rechts einer für die Senderwahl/Abstimmung, vorn unten in der Mitte ein paar Tasten für ein/aus und den Frequenzbereich und darüber eine Glasscheibe, hinter der ein Zeiger läuft und zeigt, welchen Sender man gerade empfangen könnte (Damals wurden Frequenzen ausgehandelt und beibehalten. Nix 3., 4., 5. Generation versteigern!)
Funktionierte nur für Mittelwelle und Langwelle. (Die Älteren werden sich erinneren, was das war) In dieser Liste der Sender standen so exotische Namen wie Beromünster und Motala. Von denen kaum einer wusste, wo oder was das war. Heute wissen wir es. Motala ist hier, ungefähr in der Mitte zwischen Göteborg und Stockholm. Hier stand, weil Schweden ja so groß ist, der stärkste Langwellensender überhaupt. Weil Langwellen nun mal lang sind, war auch die Antenne lang und hing zwischen zwei 120 Meter hohen Gittermasten. Die dazugehörige, sehr üppig dimensionierte Sendeanlage stand in einem Gebäude zwischen den Masten und ist im wesentlichen bis heute erhalten. Genauer, deren sogar zwei, alt und neu, weil man irgendwann mit der Reichweite nicht mehr zufrieden war. Langwelle war´s, weil Mittelwelle in schwedischen Mittsommernächten nicht so recht funktioniert.
Programm wurde hier nie gemacht, das kam über Kabel aus Stockholm.

Langwellensender Motala

Inzwischen auch das Technikgeschichte, aber als Museum durchaus sehenswert. Und es hat den Namen Motala im weiten Umfeld bekannt gemacht. Weil Langwelle ja auch weit reicht. Und in Spezialbereichen auch noch heute genutzt wird, wie Loran, Navtex und Zeitsignale.
Und um das Thema Technikgeschichte in Motala abzuschlileßen: Ein Motala Motor Museum gibt es auch noch. Direkt am Hafen. Mit Husquarna. Wenn man die drei an einem Tag durch hat, ist man auch platt. Wie wir heute abend.

Motala Motor Museum

Nachtrag: Der Stadtplan von Motala ist zwar rechtwinklig, aber nicht rechteckig. Zumindest im Innenstadtbereich verlaufen die Straßen fächerförmig. Damit kreuzen sich die Strahlen und die gekrümmten Querstraßen rechtwinklig ohne ein Kästchenmuster zu bilden. Auch eine Idee von Baltzar von Platen, dem allgegenwärtigen Kanalerbauer. Der liegt hier auch begraben, direkt oberhalb des Kanals. Und Motala ist durchaus älter als der Kanal. Man findet nur nichts brauchbares darüber, wie alt. An der Kirche steht 1774, bei anderen Quellen findet man, das es 6000 Jahre alte Spuren von ¨Zivilisation¨ gibt, wie auf Pfähle gespießte Köpfe. Was dazwischen liegt, ist nicht so leicht heraus zu finden. Da schweigen die Motalaner sich aus. Aber es wirkt heute schon humaner.  Industrie gibt es hier immer noch, woran mich mein Freund und Ex-Kollege Timo erinnert hat. Er war schon mal dienstlich hier. Motala zeigt sich heute aber mehr wie ein Kurort und weniger wie ein Industriestandort. Bis auf die Museen.

 

Geschwindigkeitsrausch

Man soll sich Zeit nehmen für den Göta-Kanal. Sagt die Informationsbroschüre der Kanalverwaltung. Über Oskar, Berg und etliche weitere Einzel- und Doppelschleusen haben wir jetzt 73 m über Normalnull bzw Ostseeniveau erreicht. Mit der Technik von 1820 dauert das ein bisschen. Auf dieser Höhe läuft der Kanal dann etliche km als Konturkanal, also immer am Hang entlang. Bis auf ein paar kurze Durchstiche geht es an Steuerbord immer ziemlich nach unten. Einige Straßen und viele Wirtschaftswege kreuzen den Kanal auf Rollbrücken. Eine Konstruktion, die ich als Straßenbrücke sonst nicht kenne: Der Brückenkörper wird leicht angehoben und dann auf die eine Zufahrtsstraße geschoben. In ganz klein gibt es eine ähnliche Brücke über der Hafeneinfahrt von Hooge.  Die Durchfahrten unter den Brücken sind eng. Gerade so weit, das unsereiner da mit konstanter Geschwindigkeit durchfahren könnte, wenn die Brücken denn offen stünden. Meist werden sie aber, fernbedient, erst geöffnet, wenn man unmittelbar davor ist. Wie die Passagieschiffe da durchkommen, hätte ich gerne mal gesehen.

Die Passagierschiffe auf dem Kanal benutzen eine besondere, robuste Art von Fendern: Senkrecht an der Bordwand aufgehängte Birkenstämme. Wenn Birke platt dann neue Birke. Ein ordentlicher Vorrat an neuen und eine Halde bereits zerquetschter Birken wird an Bord mitgeführt. Leider kommen nicht alle Birken auch wieder an Bord, einigen sind wir ausgewichen, einer nicht. Das macht wach, dürfte aber bei unter 5 Knoten folgenlos geblieben sein.

Überhaupt, Geschwindigkeit: Wir haben für 12 Meilen 5 Stunden gebraucht. Mit einem Zwischenhalt, um uns ein Aquädukt/eine Trogbrücke anzusehen, was sich nicht wirklich gelohnt hat. Etwas mehr als 2 Meilen pro Stunde ist wohl hinreichend entspannt.

Übernachtungshafen Borensberg. Brücke, Einzelschleuse. Über den Motalastrom, der hier durch geht, eine alte Steinbrücke. Im Netz findet man zu Borensberg nur das Thema ¨Bahnstromsysteme¨. Dabei gibt es hier gar keine Bahn mehr. Dafür die Kanalschleuse. Und die ist handbedient. Als einzige auf dem östlichen Kanalteil. Das Holz der Schleusentore sieht noch ziemlich neu aus. Back to the roots?

Handarbeit in Borensberg

In der Zeit, in der wir, nach dem Festmachen, der Schleusenmeisterin bei der Arbeit zugesehen haben, durften sich mehrere Touristen an der Kurbelei beteiligen. So schwer ist der Job also gar nicht. Man muss das nur nach dem Tom-Sawyer-Prinzip delegieren.

Alles alte Geschichten

Gestern, kurz vor dem Einlaufen in Karl Johan haben wir kurz überlegt, ob wir nicht vielleicht noch links abbiegen nach Linköping. Das liegt nicht am Kanal und auch nicht am Roxen, aber dicht an letzerem und ist auch durch einem Kanal mit dem See verbunden. WIr haben uns dann aber für Karl Johan entschieden. Und dann für Karl Johans oberen Hafen. Womit uns der Seeweg – hier mal wörtlich – nach Linköping zwar abgeschnitten war, wir dafür aber wesentlich geschützer lagen. Der untere Karl Johan ist gegen Ostwind ungeschützt. Der war zwar nicht angesagt, kam dann aber trotzdem. Wir haben die anderen dann da unten schaukeln sehen.
Linköping haben wir uns für heute vorgenommen, mit alternativen Verkehrsmitteln, hier Fahrrad. Nach der einzigen Landkarte, die wir für diese Gegend haben, nämlich die auf dem Handy, soll man als erstes die Räder an der Schleuse bergauf schieben. Obwohl es eine Straße gibt, die anscheinend zum gleichen Ziel führt, haben wir das so gemacht. Das war eigentlich blöd, dann aber auch wieder nicht, denn so sind wir Wilhelm Tham begegnet.  Nicht persönlich, der Herr weilt schon länger nicht mehr unter uns. Sondern in Form des nach ihm benannten Fahrgastschiffes. Ehemals Dampfer, heute mit pflegeleichteren Dieselmotoren schwedischer Fertigung ausgestattet, ist die Wilhelm Tham historsches Denkmal. (1) Weil sie nur wenige Kabinen hat und daher die eigentlich mögliche Fahrgastzahl nicht ausschöpft, auch ein recht exklusives Kanalvergnügen. Ein recht sperriges dazu. Bei den Regeln, die einem zur Kanalbenutzung mitgegeben werden, wird auf die Begegnung mit den Fahrgastschiffen besonders hingewiesen. In der Tat sind die Dinger so bemessen, dass sie gerade eben noch in den Kanal passen. Und auch gerade eben so in und durch die Schleusen. Wir haben es gesehen: Um das Schleusentor auf und am Bug des Dampfers vorbei zu bekommen hat die Meisterin der Schleuse mehrere Anläufe gebraucht und der Matrose an den Vorleinen etliches an Handarbeit.

Passt es jetzt ?

Sabine hat in den letzten Tagen schon mehrfach gefragt, was wir denn machen, wenn uns so ein Teil auf dem Kanal entgegen kommt. Noch fehlt uns diese Erfahrung, und Wilhelm ist ja jetzt vorbei und auf dem Weg nach Stockholm. Aber es sind noch mehr unterwegs. Wenn also sowas kommt, gucken, was von der Brücke angezeigt wird und dann entsprechend vorbeischieben. Oder auch zurück, marsch marsch. Wir werden sehen. Wir können reagieren, die Dampfer eigentlich kaum. Die haben nur sehr wenig Wasser unter dem Kiel. Nach der ausgiebigen und natürlich fachkundigen Begutachtung dessen, was die Wilhelm Tham Mannschaft da so ruhig und gekonnt veranstaltet hat, haben wir uns also, wie geplant, gen Linköping begeben.

Linköping (gesprochen ungefähr ¨Linnschöping¨) ist eine der ältesten Städte Schwedens und war einer der Ausgangspunkte der Christianisierung. Um 1100 wurde es Bischofssitz und entsprechend wurde die Kathedrale neu, um und ausgebaut und ist heute die zweitgrößte Kirche Skandinaviens und damit auch Schwedens. Außerdem kündet noch ein Schloss, ehemaliger Bischofssitz, von einstiger Bedeutung. Nach der Reformation hat sich der König das Schloss zu eigen gemacht, Linköping verlor seine herausragende Bedeutung als Kirchenzentrum, wurde aber immerhin Provinzhauptstadt.

Dom von Linköping

Überhaupt hat die Reformation einiges an Unruhe gebracht. Der schwedisch-polnische Doppelkönig, katholisch, wurde hier von seinem eigenen Onkel, später Karl IX, evangelisch, mit militärischen Mitteln seines Amtes enthoben. Und zwei Jahre später wurden einige, je nach Darstellung, Ratsherren oder Adlige, auf dem Großen Platz / Store Torget vom Leben zum Tode befördert, weil sie zu ihrem vorherigen und legitimen König standen. Man sieht, wie das Christentum die Moral hebt: Man mordet nicht mehr,wie als Waräger, wegen es schnöden Mammons, sondern für höhere Werte wie den rechten Glauben. Oder kann das zumindest vorgeben.

Durchsetzung des rechten Glauben in Linköping

Wir Bremer haben unseren Spuckstein, die Linköpinger einen Brunnen mit drastischen Darstellungen des Geschehens.
Oben drüber ein reitender Folke, legendärer Begründer des Folkunger-Geschlechts – wer auch immer das war(2). Der sieht allerdings aus wie eine berittene Version von Gollum. Nach der Visite Linköping zurück zu Oskar und Karl Johan, nicht ohne noch Vreta zu besuchen. Vreta ist heute im Wesentlichen ein Friedhof mit Kirche. An der sind alle wesentlichen Baustile von der Romanik bis zum 19. Jahrhundert vertreten.

Klosterkirche Vreta

Was daran liegt, das es einst die Klosterkirche eines der wichtigsten Klöster Schwedens war. Vom Kloster, das nach der Reformation aufgelöst wurde, nachdem die letzten Nonnen verstorben waren, steht außer der Kirche noch ein Kornspeicher. Der damit das älteste Wirtschaftsgebäude Skandinaviens wäre, wäre er nicht Ausstellungsraum. Und es gibt noch ein paar Ruinen. In einer davon ein ungelöstes Rätsel. Ein Bauwerk, dass eine Wasserstelle sein könnte, gingen nicht zwei Treppen zum Wasser hinunter. Oder ein Taufbecken, was es in dieser Form zwar in mittelalterlichen Anlagen anderswo gibt, aber nicht in Skandinavien. Ich tippe mal auf Kneipp-Bad. Alles schon mal da gewesen. Jedenfalls findet die schwedische Altertümer-Verwaltung diese Objekt so bedeutend, dass sie es unter Glas gestellt hat. Was ja bei der Wilhelm Tham, die weit mehr unter der Witterung leidet, leider nicht geht.


(1) Wilhelm Tham war Ingenieur bei Motala Verkstad und Husquarna und Reichstagsabgeordneter. Über den findet man etliches bei Wikipedia. http://de.m.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Tham Das Schiff gleichen Namens ist Baujahr 1912 und damit das zweitälteste auf dem Kanal. Den Rekord hält die Juno, Bj. 1874. Sollte eigentlich Darwin heißen, aber das war einigen Aktionären zu modern.

(2) Folkunger waren ein Haufen mittelalterlicher Rabauken, über die man etwas im Wikipedia finden kann. http://de.m.wikipedia.org/wiki/Folkunger

Karl Johan, Oskar und Roxen

Zwischen den Liegeplätzen in Norsholm und dem See liegen zwei Brücken und eine Schleuse. Um 9:00 Uhr beginnt der Kanalbetrieb, vier Boote liegen vor der Schleuse und werden eingelassen. Innerhalb der Betriebszeiten arbeitet die Schleuse nach Bedarf. Bei Fahrtrichtung West bei der Einfahrt nach dem Bedarf der Yachties: Man wird hineingelassen und geschleust. Bei der Ausfahrt nach dem Bedarf der schwedischen Eisenbahn. Man wird raus gelassen, wenn es zum Fahrplan passt. Die besagten vier Boote haben über eine Stunde bei brütender Hitze zwichen Straßen- und Eisenbahnbrücke verbracht, ein Zug folgte dem anderen. Wegen eines kleinen Fußgängerübergangs über die Schienen immer mit ¨ding ding ding ding¨ und rotem Licht.
Der See, der sich dann auftut, heißt Roxen.
Sieht auf den ersten Blick aus wie ein Flachlandsee bei uns, Dümmer oder Lauwersmeer. Der Dümmer ist für unser Boot ein unerreichbar exotisches Gewässer. Läge er in den Niederlanden, kämen wir nach Öffnen einiger Brücken wahrscheinlich hin. Tut er aber nicht. Das Lauwersmeer liegt in NL, daher kommen wir auf diesen Vergleich. Fährt man etwas weiter in den Roxen merkt man allerdings den Unterschied.

Denn nicht nur gibt es hier diverse Untiefen und Inseln, die bestehen auch statt aus norddeutsch/niederländischen Sand, Schlick oder Schlamm aus solidem schwedischen Granit. Und steigen auch recht steil aus der Tiefe auf. Weshalb der Roxen auch gut betonnt ist. Er ist etwa 6 mal so groß wie der Dümmer oder ein Viertel vom Bodensee. Um sinnfällige Einheiten zu benutzen.
Die Idee, da rüber zu segeln, ist Idee geblieben. Er hat uns mit Totalflaute und teils spiegelglatter Oberfläche empfangen.

Windstille auf dem Roxen

Und das ist auch bis zur anderen Seite so geblieben.
Südlich des Sees liegt die Stadt Linköping, die aber für uns mit dem Boot fast genauso unzugänglich ist wie der Dümmer. Dahin gibt es zwar einen Kanal, aber mit einer Brückenhöhe von 3.50m. Am Westufer liegt Berg, eigentlich ein Stadtteil von Linköping. Dort geht der Kanal weiter. Und zwar steil bergauf. Mit Karl-Johan und Oskar. Wie liegen jetzt, am Abend, zwischen Karl Johan und Oskar. Die beiden Herren sind nämlich die Schleusenkomplexe. Karl Johan ist eine siebenstufige Treppenschleuse, das obere Tor der einen Kammer ist also immer das untere der Nächsten. Oskar sieht so aus, dass einer Doppelschleuse ein Zwischenbecken folgt und dann eine weitere Doppelschleuse. Die Namen haben sie von König und Kronprinz, die hier zur Eröffnung her kamen.

Karl Johan mit Roxen

Zwischen Karl Johan und Oskar liegen eIn Sportboothafen, ein Cafe, ein Minigolfplatz und eine Ausstellung alter Schleusentore.
Angefangen hat man mit hölzernen Toren. Dann kamen gusseiserne Rahmen mit Holzbeplankung. Dann Stahlrahmen mit Holz und dann Stahltore. Jetzt ist man wieder zu Gusseisen mit Holz zurück. Ein Stahltor, zwar billiger, weil einfacher herzustellen, hält nur 30 Jahre und braucht viel Wartung. Die Gussrahmen hielten 200 Jahre. Die Holzbeplankung auch etwa 30 Jahre. Neu ist nicht immer besser.

 

Thema des heutigen Abends: Die Schleuse

Der Göta-Kanal war das Großprojekt des 19. Jahrhunderts in Schweden. Mit Betonung auf ¨das¨. Ursprüngliche Ziele waren, den damals noch existierenden dänischen Sundzoll zu umgehen und Kriegsschiffe von der Ost- zur Westseite bringen zu können, und umgekehrt, ohne durch dänisches Gebiet zu müssen. Als Bauzeit waren 10 Jahre geplant. Geworden sind es dann 22, und die Kosten wurden um den Faktor 6 überschritten. Heute würde ein Großprojekt natürlich nicht so aus dem Rahmen laufen, oder ?
Wobei der Staat auch noch alles mit eigenem Personal gemacht hat. Der Kanal wurde von schwedischen Soldaten gegraben.
Mit den Mitteln, die damals zur Verfügung standen. Ohne Bagger und ähnliches Gerät. Und mit den Möglichkeiten, die man um 1800 hatte. Also viele kleine Schleusen statt weniger großer. Und die Trasse folgt, wo es möglich ist, den Höhenlinien. Man gräbt am Hang entlang einen Graben und schüttet den Aushub an der Talseite zu einem Damm auf – im Prinzip. Das spart Materialtransporte. Und die vielen Kurven, die sich so ergeben, machen heute den Reiz der Kanallandschaft mit aus.
Wir hatten heute 14 Schleusen, dabei zwei Doppelschleusen, also solche, bei denen das obere Tor der unteren Kammer auch das untere Tor der oberen ist.
Die Schleusen sind hier, besonders im Vergleich zum etwa gleich alten kaledonischen Kanal, eher knapp mit Personal ausgestattet. Wärend dort 3 bis 4 Personen an einer Schleuse arbeiten, ist es hier nur eine. Oder auch nur eine halbe Person, statistisch. In einem Teilabschnitte war es so, das 3 Schleusenmeister 6 Schleusen bedienen mussten. Das führt natürlich zu Wartezeiten. Und viel körperliche Hilfe kann man unter diesen Umständen vom Schleusenmeister oder der Meisterin auch nicht erwarten.
Aufwärts schleusen also am besten so: Vor der Schleuse kurz ans Ufer, eine Person steigt aus und nimmt die Enden der Leinen mit. Boot in die Kammer, Person an Land macht Leinen fest. Tür zu. Person an Bord hält Achterleine stramm, Person an Land Vorleine. Schleuse voll: Achterleine belegen, Motor an, langsam voraus. Vorleine zurück an Bord. Person an Land noch an Land. Person an Land löst Achterleine und steigt samt Tampen wieder ein. Abfahrt. Das mit dem ¨in die Achterleine dampfen¨ musste heute sein, da viel Wind. Einmal haben wir es nicht ordentlich gemacht und prompt lagen wir quer. Es ist leider nicht viel Platz in den Kammern um noch zu reagieren.
Immerhin haben wir mit dieser archaischen Art der Seefahrt zwar nur wenige Kilometer Strecke, dafür aber immerhin 33 Höhenmeter geschafft. Mit 14 Schleusen und zwei Seen.

Schleusen , im Hintergrund 3 weitere

Wie elegant die Schleusungen ausfallen, hängt auch vom Geschick und Einfühlungsvermögen der Schleusenmeister ab. Der von Söderköping hat mir jedenfalls bestätigt, dass man mit der Fernbedienung die Schütze auch teilweise und einzeln öffnen kann. Es muss nicht zugehen wie in der Waschmaschine. Bei manchen tut´s das aber. Andere schaffen es, den Strahl dahin zu lenken, wo keiner in der Kammer liegt.

Wie in der Waschmaschine

Liegen jetzt in Norsholm. Muss man aber nicht kennen. Selbst Wikipedia weiß nur zu berichten, das der Ort zu Norrköping gehört (aha), am Göta-Kanal (na klar), an der Bahn (hört man) und an der Autobahn liegt (sieht man) und keine oder so gut wie keine Arbeisplätze bietet (sieht man eigentlich auch).

Und zu den Kriegsschiffen, die über den Kanal verlegt werden sollten: Die haben den Kanal nie benutzt. Als der Kanal fertig war, waren die dafür schon viel zu groß. Dumm gelaufen.

Mittsommer ?

Nicht ausgelaufen wegen Starkwind. Das hatten wir länger nicht mehr und nun auf dem Kanal! Nachts und auch noch am Morgen war der Wind so heftig, vor allem so böig, das uns das bei unseren Überlegungen, wie wir den Tag gestalten wollten, durchaus beeinflusst hat. Heute ist ja Sommeranfang, alias Mittsommernacht. Ein Ereignis, das in Schweden gleich nach Weihnachten rangiert, oder auch davor, und richtig gefeiert wird. Also lautet der Beschluss, dass man ja nicht fahren muss. Man kann auch bequem mit dem Fahrrad nach Söderköping, die Stadt anschauen, Mittsommer-Atmosphäre mitbekommen und dann morgen weiterfahren. Bei dem Wind liefert man schon mal Hafenkino, muss ja nicht.
Mit den Klapprädern nach Söderköping hat dann, wegen des Windes, doch eine Stunde gedauert. Für sechs Kilometer. Recht bescheidener Schnitt also, und das meiste im ersten Gang.
Söderköping war mal, so im späten Mittelalter, eine bedeutende Stadt und auch ein bedeutender Hafen. Damals wurden dort Reichtage abgehalten und Könige gekrönt. Sagen die Schilder in Söderköping, das ¨Große Online-Lexikon¨ spricht von einem, und so genau wollten wir nicht nachforschen.
Jedenfalls ist Söderköping alt und darum auch nicht rechteckig. Was es von den meisten Städten, die wir bislang auf dieser Tour gesehen haben, belebend unterscheidet.
Durch die skandinavische Landhebung, also die Tatsache, dass die Halbinsel bis heute damit beschäftigt ist, sich vom Gewicht des Eisschildes zu erholen, hat Söderköping zuerst seinen Hafen und dann seine Bedeutung verloren und ist, sozusagen, in seiner Entwicklung etwas zurückgeblieben. Erst mit dem Bau des Göta-Kanals ist wohl wieder etwas Leben in die Stadt gekommen. Heute ist sie mit etwa 8000 Einwohneren immer noch klein, aber dank der vielen Kanaltouristen trotzdem recht bunt.

Söderköping, nicht rechtwinklig

Der Kanal ist heute die Hauptattraktion hier. Wobei das durchaus nicht nur ¨boat-people¨ sind, die hier stehen, sitzen oder rumlaufen und in die Schleuse gucken. Der Kanal hat hier etwas von einem Freizeitpark. In den ehemaligen Packhäusern haben sich Restaurangs, Cafes und Boutiken angesiedelt. Der Kanal läuft zwischen der Altstadt und einem Felsmassiv hindurch, von oben hat man einen guten Blick auf die Stadt. Und hier ist es so, dass die Stadt von innen besser aussieht als von oben. Wir hatten schon Städte, die von fern gut aussahen und sich dann als totlangweilig erwiesen haben.

Söderköping, Blick aus dem Rathausfenster

Und, um Eigenwerbung nicht verlegen, hat Söderköping die weltberühmteste Eisdiele von ganz Schweden. (So oder so ähnlich. Werbung schreckt ja vor nichts zurück, außer korrekter Nutzung des Superlativs) So berühmt, das wir die Schlange abschreckend, aber auch der Dokumentierung würdig fanden.

Schlange vor der berüüühmten Eisdiele

Von der Mittsommernacht haben wir hier nichts bemerkt. Entweder geht das im Touristenrummel unter, es sind alle in Gastronomie und Einzelhandel beschäftigt oder sie fahren nach Norrköping und feiern dort oder noch woanders. Wir sind jedenfalls ohne Mittsommererlebnis zurück nach Mem, haben im ¨Magasin¨ zu Abend gegessen – trotz der merkwürdigen Öffnungszeiten schwedischer Restaurangs – und fahren morgen weiter. Sehr weit wird´s nicht sein, denn nach Söderköping kommen viele Schleusen. Besser, wir kommen auf viele Schleusen zu.
Die detaillierte Karte des Kanals, die wir eigentlich kaufen wollten, haben wir immer noch nicht. Wollte ich eigentlich am Eingang des Kanals erwerben. Die Schleusenwärterin hatte sie auch, kann sie aber nicht verkaufen, weil das Internet nicht geht und sie Bargeld nicht annehmen darf. Sie hat uns nach Söderköping verwiesen. Dort haben wir aber keine gefunden.
Wer doch noch was zum urschwedischen Thema Mittsommer finden möchte, findet es, außer z.B. bei Wikipedia, auch hier: http://symartha.de/mittsommernacht

Links ab

Noch ein Stückchen weiter von Fyrudde Richtung Norden und dann links ab. Allerdings muss man sich die Karten schon etwas länger anschauen, bis man das richtige ¨Links ab¨, und dann von den mehreren ¨Links abs¨ das Beste gefunden hat. Unseres führte unter eine Brücke hindurch, die mit 15 m Durchfahrtshöhe angegeben ist. 11m Mast + 1.20 Antenne + geschätzte 1.70 Deckshöhe gibt 13.90. Muss also passen. Passte auch, ist aber trotzdem ein komisches Gefühl, weil man aus der Froschperspektive den Abstand überhaupt nicht einschätzen kann. Mit dem inneren Ohr hab´ ich schon die Antenne am Beton kratzen hören. Mit dem äußeren aber zum Glück nicht.
Die Landschaft ändert sich, wenn man sich von der Außenkante des Schärengürtels nach innen bewegt. Die Felsen werden größer, die Wälder dichter und vereinzelt findet man Äcker, Wiesen und Vieh. Nun war Schweden ja noch nie ein Ort blühender Landwirtschaft, Schonen mal ausgenommen.
Durch den tief ins Land schneidenden Fjord/Fjärd bis nach Mem, dem Anfangs- bzw. Endpunkt des Götakanals. Für uns der Anfang, für die Kanalverwaltung offenbar der Endpunkt. Denn die Zählung der Schleusen geht von Westen nach Osten, vom Vänern zur Ostsee.

Wir sind noch kurz vor Geschäftsschluss des Kanals durch die erste – die Ersten werden die Letzten sein – Schleuse und liegen jetzt in Mem. Ob diese Schleuse jetzt typisch ist, weiß ich noch nicht. Sie ist recht klein, die Seitenwände sind nach außen gekurvt, wohl um dem Schub des Bodens besser Stand zu halten, ein Tor ist aus Holz und die Schleusung erfolgt sehr flott. Die Schütze im Tor wurden sofort bis zum Anschlag aufgerissen. Was in der Kammer ein gewisses Waschmaschinen-Gefühl erzeugt.

Das Waschmaschinengefühl

Vielleicht wollte die Meisterin der Schleuse aber auch nur endlich Feierabend haben. Sie war ja auch schon für die Mittsommernacht dekoriert.

Die Damen von der Schleuse

Was bietet Mem außer dem Kanalende? Nichts ausser Landschaft, Liegeplätze für kanalreisende Wassersportler und einem Restaurang, das aber schon am Nachmittag schließt.
Dafür gibt es aber, wir sind ja in Schweden, ein Schild, das beschreibt, dass hier die Kanaleröffnungsfete statt fand, Anno 1832. Aus den Baracken, in denen die Kanalarbeiter gelebt haben und die mit der Baustelle mitgezogen sind, wurde dann der königliche Festsaal für eben dieses Fest gebaut. Das Gebäude des Restauran{t/g}s ist eben dieser Festsaal, allerdings einmal runderneuert. Die Einwohner von Söderköping sollen massenhaft zwischen Stadt und Mem hin- und hergelaufen und auch, manche, im Vollsuff in den Kanal gefallen sein.

Ach ja, immer noch, oder schon wieder, beinahe-offline.

Taxenstand und Busbahnhof

Den eigentlichen Reiz der Schärenlandschaft kann man mit Fotos nur unvollständig wiedergeben. So ein Landschaftserlebnis ist etwas großflächig. Wir haben unseren Weg weiter durch den Schärengarten (oder -hof) genommen, auch wenn man außen, im freien Seeraum, natürlich viel schneller voran käme. So haben es z. B. unsere Stegnachbarn von gestern gemacht. Aber die wollten auch noch bis St. Petersburg und haben ein Visum, das nur für vier Wochen gilt. Und sie liegen schon zwei Wochen hinter ihrer Planung.

Innenschären

Hier in den Schären ist wirklich der Weg das Ziel. Weiter durch die Schärenlandschaft, von Västervik nach Fyrudde. So heißt der Hafen, die Ortschaft dazu heißt Gryt und ist, laut Straßenschild, 6 Km entfernt. Nach hiesigen Maßstäben also gleich nebenan. Ein paar Wohnhäuser gibt es aber auch hier. Und einen florierenden Wirtschaftszweig: Nahverkehr und Taxigewerbe. Auf dem Wasser, denn Fyrudde – das weder ein Fyr (Feuer = Leuchtfeuer) hat noch einen Udde (Kap, Spitze) ist, ist der ¨Hub¨ der umliegenden Schären. Oder eben der Taxenstand und Busbahnhof. Als wir nach erlebnis- und landschaftsreicher Fahrt hier ankamen, standen etliche Menschengruppen mit reichlich Gepäckstücken und Plastiktüten (jaja) an den Piers und Stegen und überwiegend üppig motorisierte Wassertaxis kamen und gingen.

Im Hafen ganz manierlich und auch routiniert, aber sobald, oder solang, sie außerhalb des Hafengebietes sind, wird der Hebel auf den Tisch gelegt. Was leider mit viel Lärm verbunden ist. Die vielen schwedischen Familien, die irgendwo in den Schären ihre Stuga (Ferienhaus/-hütte) haben, wollen alle bis Sonnenuntergang abgeliefert sein. Und die Ferienzeit ist nahe, noch zwei Tage bis Mittsommernacht.
Leider nähert sich unser Fahrtabschnitt durch die Ostschären schon wieder seinem Ende. Mem, wo der Götakanal beginnt, wäre von hier schon in einem Tag problemlos zu erreichen, Stockholm in drei. Visby haben wir schon gestrichen – ich war schon mal da, Sabine aber nicht.
Sabine sagt, ich hätte Götakanal geplant und soll das auch so machen und wir wüßten nicht, was uns noch auf dem Rückweg aufhalten wird. Und sie hat recht. Aber wir kommen wieder. Und dann bringen wir mehr Zeit für die Schären mit. Und auch Karten bis Stockholm. Unser derzeitiger Bestand reicht genau bis Mem, zum Ostende des Kanals. Zumindest, was die Papierfassung angeht.

Die Privatschäre der Kormorane. Hier wächst nichts mehr!

Ach ja: Fyrudde ist fast Offline: WLAN gibt’s nicht, Datendienste funktionieren bestenfalls schleppend. Darum ist dieser Text auch von gestern. Oder Vorgestern. Oder so.