Lichter der Großstadt

Montag
Nach Aarhus. Zweitgrößte Stadt Dänemarks, ca. 350 000 Einwohner, Großraum 1.5 Millionen. Aarhus selber ist sicher auch ein lohnendes Ziel, aber im Moment auch gewählt, weil es gut an das Eisenbahnnetz angeschlossen ist. Was man von vielen dänischen Hafenstädten leider nicht sagen kann.
Angeblich haben die Dänen damals, als man noch Eisenbahnlinien baute und die schleswig-holsteinische Frage noch die Politik und die Großmächte beschäftigte, die Bahn so gebaut, das die Preussen nicht gleich mit der Bahn die Hafenstädte erreichen und besetzen konnten. Geholfen hat das bekanntlich gar nichts, aber den ungünstigen Streckenverlauf gibt es bis heute.
Also Einlaufen nach Aarhus. Es gibt zwei Yachthäfen, den Stadthafen am nördlichen Rande des Hafengebietes und die Marina Marselisborg. Von der die Geschäftsführung, oder die PR-Abteilung, verkündet, sie läge in naturnaher Umgebung. Sabine hat das bestätigt: Die Boote liegen im Wasser, also naturnah. Sehr nah ist auch der Handelshafen, nur eben auf der linken Seite statt auf der rechten wie im Stadthafen. Allerdings kommt man wirklich, besonders unter Benutzung eines Fahrrades, ins Aarhuser Naherholungsgebiet. Besonders dann, wenn man, wie wir, sich erstmal beim Weg in die Innenstadt verfährt – auf dem Plan ist aber auch wirklich nichts zu erkennen, vor allem die Straßennamen nicht.
Wir haben den Rest des ersten Abends genutzt, um die Marina zu besichtigen und die Infrastruktur, sprich Waschmaschine und Trockner zu nutzen. Die Waschmaschine wusch – soll sie auch. Der Tumbler tumbelte nicht die Bohne, und so konnte man Martha (unsere) über die Toppen beflaggt im Hafen liegen sehen. Es gibt hier noch mindestens drei andere Marthas. Und – hallo Detmar – mindestens eine Fenja.

Martha über die Toppen beflaggt
Martha über die Toppen beflaggt

Dienstag
Erste Ortsbegehung Aarhus. Erster Eindruck: Eine Riesenbaustelle.
Wir wollten, bevor wir uns der Innenstadt widmen, mal kurz den anderen Yachthafen anschauen. Das Ergebnis: Wir bleiben wo wir sind. Aber der Weg dahin war etwas abenteuerlich. Denn das Hafengebiet von Aarhus hat, wir Bremer kennen das ja, seine Funktion verloren. Manche Städte, z.B. Barcelona, haben es geschafft, solche stadtnahen Häfen umzugestalten und ins Stadtbild einzubeziehen. Aarhus ist gerade dabei, das zu tun. Und deshalb kommt man, besonders als Ortsunkundiger, ständig von einer Baustelle in die nächste. Zur Zeit wirkt das Hafengelände noch etwas öde, aber das wird wohl noch was werden.
Hafengelände Aarhus, under construction
Hafengelände Aarhus, under construction

Die andere Seite war dann die Altstadt. Aarhus ist für nordeuropäische Verhältnisse wirklich alt, nämlich eine Gründung aus der Wikingerzeit. Es hat noch viel malerische alte Bausubstanz und wirkt sehr lebendig. Was wohl auch daran liegt, dass es hier eine Universität und diverse weitere Hochschulen gibt.
Anderes Thema: Eisenbahn. Ich habe es schon oft erlebt, dass ich, wenn ich bei der DB eine Fahrkarte kaufen wollte, von den Automaten und/oder Webseiten geärgert wurde. Es liegt nicht daran, das es die Deutsche Bahn ist. Es liegt daran, das es die Bahn ist. Heute war ich bei der dänischen, und da ist es noch gruseliger!
Altstadt Aarhus, malerisch und meist etwas belebter
Altstadt Aarhus, malerisch und meist etwas belebter

Ich weiß, dass man „Großstadt“ schreibt, WP macht daraus erst den Namen des Links „grossstadt“ und daraus dann die Überschrift, darum steht da jetzt „GROSSSTADT“. Sorry

Scheibchenweise

Freitag
Wieder raus aus Haderslev. Allein der Fjord wäre ja schon ein Grund, hierher zu kommen. Leider kommt man hier bei Ostwind (haben wir) unter Segeln nicht wieder raus. Die gebaggerte Rinne ist teilweise einfach zu schmal zum Kreuzen, wer mag schon 9 Meilen auf einem 50 Meter breiten Kanal kreuzen, in der Abdeckung hoher Ufer und wunderbarer Wälder. Also raus unter Motor, und dann Richtung Norden, in den Teil des kleinen Belts, der da heißt „Snävringen“. Das ist da, wo der kleine Belt wirkich ganz klein wird. Wie ein Fluss wirkt, einer mir vielen Kurven und teils hohen Ufern. Da, wo früher die Fähren über den Belt gingen und heute die Brücken rüber gehen.  Und wo, unter anderem die kleine, aber feine Stadt Middelfart liegt. Die, der Name zeigt es, die mittlere von drei Fähren von Jütland nach Fünen übersetzte. Middelfart war denn auch unser Ziel. Erstens, weil es  und die Umgebung südlich davon schön sind, haben wir gelesen. Und zweitens, weil man in der Marina von Middelfart auch Seekarten kaufen kann. Haben wir auch gelesen, und auch welche gekauft. War nicht das große Meilenfressen von Haderslev bis Middelfart, aber bei Nordost 3 reicht das für einen Tag. Besonders wenn man nicht früh aufsteht.

Sonnabend
Raus aus Middelfart und weiter Richtung Kattegatt. Das ist ja hier gleich um die Ecke. Aus der Marina, um die Halbinsel, am Stadtzentrum vom Middelfart vorbei (schön), unter den beiden Brücken durch, eine für Straße und Bahn, die andere für die Autobahn (interessant) und an den Häfen und Industrieanlagen von Fredericia vorbei. (Gar nicht schön, aber irgendwoher muss das Bruttosozialprodukt ja kommen)
Brücken, besonders große Brücken, haben ja meist etwas faszinierendes. Man kann meist gut erkennen, was sich da jemand gedacht hat. Die beiden Zeugnisse der Ingenieurskunst am kleinen Belt bilden da keine Ausnahme.
Das geht ganz offensichtlich auch anderen Leuten so: Für die Eisenbahnbrücke von Middelfart werden Brückenführungen angeboten. Nicht auf der Fahrbahnebene, oben auf dem Gitterkastenträger.

Die Brücken von Middelfart
Die Brücken von Middelfart

Ja, und dann weiter, wieder mit Nordost. Wieder mit vielen Kreuzschlägen und wenig Meilen. Kurs ist die Richtung, in die man will und aus der der Wind kommt. Geplantes Ziel: Samsö. Reales Ergebnis: Juelsminde. Der Hafen ist aber auch ganz schön, und wir haben den besten Platz zum Hafenkino gucken.

Sonntag
Wieder großer Unterschied zwischen Plan und Wirklichkeit. Geplant war Juelsminde-Norsminde. Raus gekommen ist Hov. Oder Hou. Auf der Karte und dem Plotter steht „Hov“, auf den Booten im Hafen steht „Hou“. Hov war als Ausweichhafen im Plan enthalten, aber das Segeln in einem der Besatzungsmitglieder hat nicht bis Norsminde gereicht. So ist es bei 23 Meilen (nautisch) gegen den Wind geblieben und wir sind in Hou/Hov. Der Hafen ist groß und in Ordnung, im Ort gibt es einen Supermarkt, und es gibt eine Fähre, vermutlich nach Samsö. Ich fürchte, damit ist die Beschreibung von Hou vollständig.

Warum drei Tage auf einmal? In Middelfart fehlte die Lust zum Schreiben, in Juelsminde fehlten die Mobilfunk-Datendienste und die Zuverlässigkeit des WLANs. Das funktioniert in Hou/Hov. Jedenfalls deutlich besser als in Juelsminde.

Skorbut-Vorbeugung
Skorbut-Vorbeugung

Und warum segeln wir bei Nordost an der Jütländischen Küste nordwärts statt an der Schwedischen? Käptn will diese Woche nochmal nach Bremen, und auf Jütland gibt es eine Bahnlinie. Schweden und Eisenbahn – das ist so ein Thema für sich.

Tief drinnen und lang her

Donnerstag, Mommark

Es war windarm. Und es war neblig, oder hat leicht genieselt, oder beides.

Trotzdem los. Der Wind hat sich dann ganz brauchbar entwickelt. Zwar weiter aus Norden, aber genug zum Segeln. 34 Meilen Strecke bei schwachem Wind aufgekreuzt. Es erfreut das Seglerherz, ist allerdings dem Rest der Menschheit völlig wurscht. Daher nur das Resume: Abends auf Aarö. Noch nicht viel los hier. Die Kinderbespaßungsinfrastruktur  liegt noch darnieder, im Yachthafen besteht kein Mangel an freien Plätzen. Und gegen Abend setzt auch der Nieselregen wieder ein und hat uns an Bord festgehalten.

Ende des Donnerstags.

Freitag: Ortsbegehung Aarö-Dorf. Dänisch-heimelig und übersichtlich. Gut an die große weite Welt angebunden, weil die kleine Fähre ständig hin und her pendelt und die Fahrzeit auch nur ein paar Minuten beträgt.

Wetter: Eher frisch. Selbst die Enten prüfen, ob das Wasser nicht doch zu kalt ist.

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Die Enten prüfen die Wassertemperatur

Plan für heute: Nach Haderslev. Dahin führt von der Ostsee der Haderslev Fjord. Auf der Karte sieht der fast aus wie ein Kanal. In Wirklichkeit ist er aber doch sehr viel schöner. Fast wie ein Fluß und noch sehr unverbaut. Etwa neun Meilen, also 18 Km lang, teils durch Wald und unter hohen Ufern. Ein bisschen wie eine kleinere Ausgabe der Schlei.

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Irgendwo auf dem Haderslev Fjord

Und am Ende eben Haderslev, auf Deutsch auch Hadersleben. Eine Stadt mit ca. 20 000 Einwohnern, mit allen Eingemeindungen fast das dreifache. Viel erhaltene alte Bausubstanz, sehenswert. Flächenmäßig fast dreimal so groß wie Bremen. Auch Aarö z.B. gehört dazu. In seiner Glanzzeit Residenz der Schleswiger Herzöge und drittgrößte Stadt des Herzogtums. Wie alt die Stadt genau ist, weiß man nicht, denn bei ihrer ersten urkundlichen Erwähnung war sie schon groß – nach den Maßstäben des 13. Jahrhunderts jedenfalls.

Wir haben uns auf einen Rundgang durch die Innenstadt beschränkt, und den dann auch beendet, weil der Nieselregen wieder einsetzte, auf den wir, leichtsinnigerweise, kleidungsmäßig nicht vorbereitet waren.

Haderslev soll aber unter anderem etliche sehenswerte Museen haben. Und ist einerseits das Zentrum der deutschen Minderheit in Nordschleswig/Südjütland (Wortwahl je nach Nationalität). Andererseits ist die Schleswig-Holsteinische Frage und der damit verbundene Krieg hier offenbar durchaus noch im Bewußtsein. Bei uns ist das ja eher vergessen. Die Codenummer für’s Klo kann man sich jedenfalls mit etwas Geschichtskenntnis gut merken. Und als ein Bürgermeister vor ein paar Jahren ein zweisprachiges Ortsschild aufstellen ließ – ohne Rücksprache mit dem Rat – da wurde erst das Schild ramponiert, dann abgerissen, und dann der Bürgermeister aus dem Amt entfernt.

Das tut ja aber dem Stadtbild keinen Abbruch.

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Alte und nicht ganz so alte Häuser in Haderslev

Und an nationalistischen Wirrköpfen herrscht ja auch bei uns kein Mangel. Jedes Land muss mit denen leben, warum nicht auch die Dänen.

Kurztrip

So ruhig war der Abend auf der Lotseninsel dann auch wieder nicht. Erst legte am Anleger für die Ausflugsdampfer ein Großsegler mit niederländischer Flagge, deutschem Kapitän und jugendlichen Passagieren an. Entgegen unseren Erwartungen haben letztere, altersuntypischer Weise, aber nur sehr begrenzt die Ruhe gemindert.

Allerdings hat die Gästeschar der Giftbude dann gegen Abend, unterstützt durch die Hafenmeisterin, maritimes und heimatliches Liedgut zum besten gegeben. Der heimatkundliche Teil hatte dabei, bedingt durch die Herkunftsorte der beteiligten Künstler und -rinnen eindeutig Schwerpunkte im bayrischen und im Hamburger Raum. Das Instrumentarium – Akkordeon, Stimmen in unterschiedlichen Lagen, Sopransaxofon – entsprach nur teilweise den Standards des Genres, und der Saxofonist musste sich teils, mangels einschägiger Repertoire-Kenntnisse, auf seine Auffassungsgabe, oder Imitationsvermögen, verlassen. Scheint aber von den Anweseden keinen gestört zu haben, und die anderen Gäste der Insel haben sich nicht beschwert. Ist ja schon mal was.

Und heute? Es segelte zwar wieder in uns, allerdings erst ab Mittags, nach dem es zu regnen aufgehört hatte. Aber es segelte mit uns nicht besonders weit. Denn der Wind, Nachts noch kräftig, schwächelte, und wehte außerdem aus Norden, also aus der Richtung, in die wir wollten. Und auch sind. Nur eben nicht soweit, bis Mommark auf Als.

Auf Mommark waren wir unlängst schon mal. Also so etwa vor 20 Jahren. Da fuhr da noch eine Fähre ein und aus. Die war so groß, oder besser, der Hafen war so winzig, dass deren Heck beim Drehen immer über unser Achterschiff schwenkte, so knapp am Achterstag vorbei. Die gibt es nicht mehr. Dafür jede Menge Dauercamper-Stellplätze. Ein bisschen hat der Charme von Mommark darunter gelitten, dafür ist die Angst weg. Die wegen der Fähre.

Hafeneinfahrt Mommark
Hafeneinfahrt Mommark

Morgen soll leider wieder wenig Wind sein, und der wieder aus Norden.

 

Es

Es segelte heute nicht so recht in uns. Weil: In der Nacht und Morgens regnete es, und dabei war es fast windstill. Später hörte es zwar auf zu regnen, und es wurde auch angenehm warm, aber nichts desto weniger war es immer noch windstill oder bestenfalls schwachwindig. Einige Boote haben zwar den Hafen von Schleimünde verlassen, aber nur einem ist es gelungen, unter Segeln etwas Fahrt zu machen. Das war so ein 12 x 2 Meter Schärenkreuzer-Nachbau. Und der ist auch nur Richtung Kappeln, weil es dahin nicht so weit ist. Der Skipper (Einhandskipper mit zwei Händen) hat denn auch geschätzt, das es bei diesem Wind wohl mehrere Tage bis Schleswig werden könnten.
Wir wollen ja Richtung Norden, haben es aber heute gar nicht erst versucht, sondern bleiben einen weiteren, sehr ruhigen Tag auf der Lotseninsel.
Habe heute gelernt, das die Lotseninsel wirklich eine Zeit lang eine Insel war. So von siebzehnhundertundnochwasneunzig bis neunzehnhundertnochwasdreissig. Als es nämlich die natürliche Mündung der Schlei noch und den Durchstich schon gab.
Sogar mit einer Schule. Heute gibt es eigentlich nur vier ernstzunehmende Gebäude hier: Den Leuchtturn, das Lotsenhaus, das Hafenmeisterbüro – ehemals Maschinenhaus des Leuchtturms – und die Giftbude, heute und auch früher schon das Gasthaus.
Morgen wird es hoffentlich etwas mehr wehen, dann wird es auch wieder in uns segeln. Heute genießen wir einfach, das es hier so ruhig ist.

Es segelt in mir

Südwind,4 Bft. Ziel Schleimünde. Kloschlüssel zum Hafenmeister, Hafenmeister nicht da. Warten, Hafenmeister immer noch nicht da. Schlüssel beim Hotel gegenüber abgegeben – ich war so blöd, auch die Schlüssel anderer Leute entgegen zu nehmen und ihnen das Pfandgeld vorzuschießen, weil ich ja sowieso auf den HM warten musste. So jetzt wenigsten ein bisschen Kleingeld in der Tasche.
Tanken, dann raus aus Strande. Im Zickzack, es ist Sonntag, und die Förde ist mit Regattafeldern gepflastert.
Um Bülk herum, Blick aufs Leuchtturm und Klärwerk. Gestern Abend waren wir nochmal zu Fuß in diese Richtung gegangen. Sabine hat gefragt, ob der Duft des Klärwerks mit Veilchenaroma aufgebessert werde. Ich bin mir sicher, er wird nicht. Aber nach der Giselauer Gülle-Ausbringung ist jedes andere Aroma ein liebliches, daher wohl die olfaktorische Täuschung.
Mit Wind erst aus Süd, später aus Ost bis Schleimünde, zur ¨Lotseninsel¨. Da liegen wir jetzt, warten auf die angesagten Gewitter und werden später mal testen, ob die ¨Giftbude¨ noch das hält, was sie uns in unseren Erinnerungen versprochen hat.
Ach ja, die gehäkelten ¨Der-hat-schon-bezahlt-Bändchen¨ der Hafenmeisterin oder Hafenmeistersfrau oder so, die gibt es auch noch. Diese Jahr in blau-weiss.

Der SchleimünderLeuchtturm hat ein neues „outfit“. Siehr wieder  nach was aus. Kannten wir so noch nicht.

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Leuchturm Schleimünde in neuer Farbgebung

Die Überschrift ist geklaut. Steht so in der Giftbude gerahmt an der Wand. Find‘ ich gut !

Ganz normal

Giselaukanal raus, bis Holtenau. Subjektiv endlos, objektiv 1 1/2 Stunden warten, und dann, endlich unter Segeln, bis Strande. Eigentlich nichts berichtenswertes, wären da nicht immer wieder die ganz besonderen Mitmenschen: Vor der Schleuse vordrängeln, in der Schleuse – Neue Nord Holtenau, riesengroß – gleich vorn Fahrt weg, und alle Nachfolgenden dadurch behindern, und dann beim Festmachen Hafenkino vom Feinsten.

Muss auch mal erwähnt werden: Die Schleuser haben dann einen Frachter warten lassen, damit wir von der Freizeitfraktion auch mal dran kommen. Der gute Wille ist da, nur die Verhältnisse, die sind nicht so!

Und Abends noch Feuerwerk am Hafen.

 

Columbus heute, oder Früh übt sich, was ein Segler werden will.

Alle Termine abgearbeitet, Handoperationen, Zähne ziehen und so. Wetter wieder handhabbar, keine tieffliegenden Äste oder ähnliches mehr. Wir können los. Kindergeburtstag der Enkelin hat sich sowieso erledigt, die glücklichen Eltern sind mit Kind nach Spiekeroog, um Regatta zu segeln. Was aber aufgrund der Windverhältnisse ausgefallen ist, so’n 470er ist halt auch nur bedingt sturm- und hochseefest. Die jüngere Generation ist also auf dem Weg von Spiekeroog in die Weser, wir auf dem Weg von Bremen in Richtung Nord- und Ostsee. In Bremerhaven wollen wir uns treffen.
Abfahrt von der Ochtum bei Südwest 4-5. Kann man also schön segeln. So bis Vegesack, also etwa 2 Meilen. Dann müsste man kreuzen. Was zwar möglich ist, aber nicht unbedingt empfehlenswert, wenn man zu Niedrigwasser in Bremerhaven ankommen möchte. Also Motor an und bis Farge. Dort scheinbarer Wind nicht brauchbar. Für Nichtsegler: Ein brauchbarer scheinbarer Wind ist etwas ganz anderes als ein scheinbar brauchbarer Wind. Scheinbarer Wind ist der, den man auf dem fahrenden Schiff fühlt und/oder misst. Und danach bemisst sich, ob man segeln kann oder nicht.
Also kein brauchbarer scheinbarer Wind, und Motor bleibt an. Trotz aller Versuche, segeln geht bis Bremerhaven nicht, nicht nur scheinbar nicht, auch wirklich nicht.
Die Kinder sind schon da, das Enkelkind hat seine sprachlichen Möglichkeiten erheblich erweitert innerhalb der letzten Woche. Und bewegt sich an Bord erstaunlich sicher. Früh übt sich, was eine gute Seefrau (gibt es das Wort?) werden will.

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Am nächsten Morgen (Donnerstag) trennen wir uns wieder: Die jüngeren Leute Weser aufwärts mit auflaufendem Wasser. Wir warten noch bis nach Hochwasser wegen des Tidenstroms.
Nachdem Anna, Tom und Jonna Richtung Elsfleth/Bremen verlassen haben, kommt ein erstens ungewöhnliches, zweitens spanisches Schiff auf die Schleuse zu: Offenbar ein Nachbau der Santa Maria.
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Der Begriff Columbus-Center bekommt da gleich eine andere Bedeutung.
Abfahrt Richtung Elbe. Plan A: Mit ablaufendem Wasser durch den Wurster Arm bis zur Robinsbalje, dann die hoch ins Paddingsbüttler Tief. Dort die Nacht über Ankern – eine der wenigen Stellen, wo es noch nicht verboten ist – und morgen mit dem Mittagshochwasser über das Salenburger Watt zur Elbe. Unsere Variante des Elbe-Weser-Wattfahrwassers. Die „offizielle“ Version durchs Bakenloch geht für uns nicht, weil, wenn wir mit ablaufendem Wasser in Bremerhaven starten ist dort schon nicht mehr genug Wasser, wenn wir ankommen. Ginge also nur an Tagen, an denen es sehr lange hell ist (trifft zur Zeit zu) und morgens und abends Hochwasser ist (trifft zur Zeit nicht zu).
Wettervorhersage 1: Umlaufend 1 – schlecht zum Segel, gut zum Ankern.
Unterwegs dann Wettervorhersage 2: Umlaufend 1, später Süd bis Südwest 4 – Immer noch schlecht zum Segeln, und nicht mehr gut zum Ankern dort, wo man bei Hochwasser wenig Schutz hat.
Wettervorhersage 3: Uml. 1, später Süd bis Südwest 4 -5
Wettervorhersage 4: wie 3, plus Böen 6 – Das ist es dann gar nicht mehr zum Ankern im Watt.
Also durch bis Cuxhaven. 8 Stunden unter Motor. Schnell, aber laut und öde. Bilanz: In 2 Tagen 2 Meilen gesegelt und so um die 80 unter Motor gefahren. Na ja, hm.
Freitag: Wunderbarer Segelwind, wenigstens von Cuxhaven bis Brunsbüttel. Auf dem NOK/Nordostseekanal/Kiel-Canal darf man sowieso nicht segeln. Man darf so tun, aber der Motor muss immer mitlaufen, it’s the law.
Nun sind wir im Giselau-Kanal, vor der zur Zeit funktionslosen Giselau-Schleuse. An den Stegen ist noch der eine oder andere Platz frei – genau genommen fast jeder. Waren nochmal 4 Stunden Ratatata, nu‘ reichts auch mal fürs erste.
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Sehr ruhig hier, in der Ferne die Geräusche der Schiffe auf dem Kanal. Zu Fuß zur Eider. Idylle leicht getrübt durch geruchsintensive landwirtschaftliche Arbeiten. Mir würde das Gülle fahren ja stinken, aber wahrscheinlich riecht man das irgendwann selber nicht mehr. Und Geld stinkt ja bekanntlich sowieso nicht. Kommt Gülle eingentlich von Geld/Gold ?

Murphys Gesetz

So schwer wie dieses Jahr haben wir uns noch nie getan, aus dem Heimathafen zu kommen. Erst musste sich Sabine an der Hand operieren lassen. Dann der Kabelbrand. Dann wollten wir noch den Geburtstag des Enkelkindes mitfeiern. Die glücklichen Eltern sind mit dem Kind nach Spiekeroog, auch um dort zu segeln. Wir sind zu Hause. Das Wetter ist so dass man nicht unbedingt segeln muss: 6-7 Bft aus Nordwest, Wellenhöhe in der Deutschen Bucht bis zu 4 Metern. Ein halbwegs zurechnungsfähiger Mensch kommt also mit dem Boot gar nicht nach Spiekeroog. Vermutlich wird auch bei Spiekeroog nicht allzu viel gesegelt. Zu allem Ärger hab` ich mir auch noch einen Zahn abgebrochen – ja gut, mit dem war sowieso nicht mehr viel los.

Sollten sich die Trümmer ¨zeitnah¨ entfernen lassen, und sollte sich das Wetter bessern, dann ist jetzt Mittagshochwasser in Bremerhaven. Also die ungünstigste Tide, um von der Weser in die Elbe zu kommen. Entweder im Dunkeln raus oder im Dunkeln rein. Und im Dunkeln raus heißt natürlich auch, in aller Frühe im Dunklen aufstehen zu müssen.

Whenever something can go wrong, it will.
It did.

Segeln ist ja so vielseitig, Teil 3

Jetzt ist wirklich Frühling. Warm, etwa 25 Grad, Südostwind. Tide stimmt, am Freitag am späten Nachmittag, am Sonntag am frühen Abend Hochwasser. Rentner könnten ja die ganze Woche Zeit haben, haben sie aber nicht. Weil Ehrenämter, Enkelkinder, Hobbies und ab und an auch andere Termine immer wieder den Tagesablauf stören.

Freitag Nachmittags: Noch Sachen einräumen. Klare Rollenverteilung, ich schleppe ran, Sabine staut. Angeblich geht dieses Jahr weniger rein ins Boot als letztes Jahr. Was mich nicht ganz überzeugt.
Freitags, später Nachmittag. Wasser läuft ab, Einräumen ist fertig, zumindest soweit, wie es die mitgebrachten Utensilien betrifft. Kann also los gehen. Eine Spring schon mal weg, Motor an. Piept. Da man im Freien die Kontrolllämpchen kaum sieht, wenn die Sonne scheint, hat das Motorpanel klugerweise eine Hupe, die ertönt, wenn irgendwas nicht in Ordung zu sein scheint.
Noch kein Öldruck? Etwas Gas. Piept wieder. Riecht brenzlig. Motor aus. Rauch kommt unter dem Backskistendeckel hervor. Vorsichtiges Öffnen des Deckels: Viel Rauch. Motor aus, Skipper runter. Feuerlöscher in die Hand, den großen, Motorklappe etwas auf. Viel Rauch, viel Gestank. Wieder zu. Etwas warten, nochmal auf. Wird weniger. Keine Flammen, nur viel Rauch und Gestank.
Betten raus – da liegen die Batterien drunter, und Batteriekabel abgenommen.
Nach kurzem Warten: Inspektion des Motorraums. Zwei Kabel, Plus-Seite zur Funke und zum Solarpanel verkokelt. Und einige Meter Kupfer, die ich zwar mitgekauft, aber nie verstanden hatte. Viel Dreck, viel blankes Kupfer.
Die genaue Ursache wissen wir nicht, aber die Elektrik in unserem Motorraum ist jetzt deutlich übersichtlicher geworden. und die Übersicht über den Sinn und Zweck der diversen Leitungen deutlich besser.
Das Wochenende war dann eines am Steg, und bis Sonnabend Abend mit emsigem Tun gefüllt.
Aber besser hier als unterwegs. Und am Freitag, so das man am Sonnabend noch ein paar zehn Meter Kabel und andere Kleinteile kaufen konnte.
Die Anzahl der Sicherungen, die schon vor dem ¨Hauptschaltkasten¨ liegen, hat dabei übrigens deutlich zugenommen. Und weitere sind in Planung, aber da muss ich noch Fremdleistungen in Anspruch nehmen. Die Auswahl an Bordwerkzeug ist halt begrenzt.

Segeln ist ja so vielseitig.

Bilder von dem ganzen Drama gibt es natürlich nicht. Wenn`s brennt brennen einem andere Dinge auf den Nägeln.

Verschmorte Leitung, ehemals rot
Verschmorte Leitung, ehemals rot